Wie viel Barrierefreiheit ist nützlich und gewünscht?

Freitag, 12. Dezember 2014

Ohne Stufe zu überwinden auf den Balkon? Technisch kein Problem. Das kann nachträglich realisiert werden.
Ohne Stufe zu überwinden auf den Balkon? Technisch kein Problem. Das kann nachträglich realisiert werden.

Von Mirko Kolodziej

Bei einem Vor-Ort-Termin im Hoyerswerdaer WK VI kam auf den Vorstand der LebensRäume-Genossenschaft Axel Fietzek ein älterer Herr auf Krücken zu. Fietzek dachte, er würde nun sicher nach einem Aufzug-Anbau gefragt. Doch gefehlt! Der Mann bat um einen zweiten Handlauf im Treppenhaus, so dass er sich besser abstützen könne. Die Genossenschaft entsprach dem Wunsch – Fall erledigt. „Wir machen sehr viel mit solchen individuellen Verbesserungen. Diese kleineren Sachen sind effektiver“, findet Axel Fietzek.

Im Herbst hatte das Internet-Immobilien-Portal ImmobilienScout24 mutig behauptet, Hoyerswerda sei bundesweit mit einer Quote von 0,4 Prozent Schlusslicht bezüglich barrierefreier Wohnungen. Der Chefin der Wohnungsgesellschaft (WH), Margitta Faßl, gefiel das so wenig, dass sie einen Beschwerdebrief schrieb. Denn schließlich waren nur die elektronisch erfassten Daten ausgewertet worden und die WH gehörte dazumal überhaupt nicht zu den ImmobilienScout24-Kunden. „Wir haben ungefähr 900 seniorenfreundliche Wohnungen in etwa 20 Gebäuden“, sagt die WH-Chefin und erwähnt etwa die gelben Achtgeschosser an der Bautzener Allee, in denen jedes Stockwerk inclusive des Hochparterre eine Aufzugetage ist oder die ebenerdigen Wohnungen an der Taube in der Altstadt.

Axel Fietzek sagt, bei den LebensRäumen seien in der Stadt per Aufzug oder ebenerdig gar 1 840 Wohnungen erreichbar. Das Wort „barrierefrei“ verwenden allerdings weder er noch Margitta Faßl gern. Denn es gibt dafür eine Din-Norm, die zum Beispiel auch auf Türbreiten oder Wenderadien für Rollstühle abstellt. Solche Norm-Bedingungen im Altbestand zu schaffen, ist nicht ganz einfach bis teilweise unmöglich. Bei Neubauten setzt die WH die Din hier und da aber um, etwa bei den Erdgeschosswohnungen ihrer neuen Wohnanlage „Krokuswiese“. Die Genossenschaft plant Barrierefreiheit bei Neubauten ein, wenn es dazu einen konkreten Anlass gibt – also einen Mieter, der aktiv in eine solche Neubau-Wohnung einziehen möchte.

Generell sind die beiden großen Vermieter eher bemüht darum, barrierearme oder -reduzierte Wohnungen anzubieten. Da geht es mal um einen zusätzlichen Tritt auf den Balkon und mal um eine Badewanne mit Einstiegstür. Im Hauptquartier der LebensRäume im WK III gibt es eigens ein Ausstellungszentrum, in dem man lernen kann, welche baulichen Möglichkeiten bestehen, damit Menschen mit Handicaps in ihren Wohnungen bleiben können. Axel Fietzek sagt, diese Möglichkeit, im gewohnten Umfeld zu bleiben, sei vielen Menschen deutlich wichtiger als etwas, das eine abstrakte Vorschrift als barrierefrei definiert. Fietzek glaubt auch nicht, dass der Bedarf überhaupt so hoch ist, wie die öffentliche Debatte nahelegt. „Es fallen ja nicht alle mit dem 65. Lebensjahr in den Rollstuhl“, sagt er – absichtlich zugespitzt.

Und will man wirklich, so wie es die Din verlangt, niedrig angebrachte Türklinken oder Lichtschalter, nur weil man nicht mehr so gut zu Fuß ist? Der LebensRäume-Chef berichtet von einem Gespräch mit einem Dresdener Kollegen. Dessen Unternehmen hatte in einem Wohnblock zwanzig Wohnungen Din-gerecht barrierefrei umbauen lassen – mit Behindertentoiletten, wie man sie aus öffentlichen Gebäuden kennt. „Der Kollege hat den Großteil der Umbauten wieder beseitigen lassen, weil er keine Mieter gefunden hat. Die Leute haben gesagt, sie wollten nicht in einem Krankenhaus leben“, erzählt Axel Fietzek. Da kann es sogar sein, dass der Umstand, dass ein zusätzlicher Aufzug um die 100 000 Euro kostet und deswegen eine Nachrüstung im Viergeschosser nicht infrage kommt, manchmal gesundheitsfördernde Wirkungen hat: Es soll Leute geben, die glücklich sind, dass sie Treppen steigen müssen. Das hielte sie fit, sagen sie.

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