Unser Mann aus Belfast

Samstag, 27. September 2014

Von Irland nach Hoyerswerda: Philip Campbell lebte lange Zeit in einem Häuschen nahe dem recht kleinen Städtchen Tandragee bei Belfast. Seit 2009 hat er seinen Hauptwohnsitz
Von Irland nach Hoyerswerda: Philip Campbell lebte lange Zeit in einem Häuschen nahe dem recht kleinen Städtchen Tandragee bei Belfast. Seit 2009 hat er seinen Hauptwohnsitz

Von Mirko Kolodziej

Auf Philip Campbells Visitenkarte findet sich sein Name auch auf Irisch: Pilib Mac Cathmhaoil. Er lernte die keltische Sprache als Kind. Es gab dazu Sommerkurse auf einer idyllischen Insel in seiner irischen Heimat. In den letzten Monaten saß Philip Campbell wieder auf der Schulbank. Dieses Mal nahm er in Dresden Deutsch-Unterricht. Die Prüfung nach EU-Normen ist gerade erst ein paar Tage her.

Der 47-Jährige kam 2005 zum ersten Mal nach Hoyerswerda, in die Heimat seiner Frau Jane. Die beiden hatten sich während ihres Aufenthaltes in Irland kennengelernt. „Ich fühlte mich, als würde ich in die Vergangenheit reisen“, erzählt Philip Campbell über seinen ersten Spaziergang in der Altstadt. Sie gefiel ihm. Die Neustadt empfand er dagegen als Enttäuschung.
Vier Jahre später wählte seine Familie Hoyerswerda zum Hauptwohnsitz und inzwischen hat der Ire sich nicht nur an die Neustadt gewöhnt. Unter anderem bei KuFa-Projekten lernte er auch etwas über ihre Entstehung und Bedeutung.

„Es gibt eine ganze Reihe von Dingen hier, über die ich schreiben kann“, sagt Philip Campbell über seine neue, zweite Heimat. Denn das ist, worum ihn das TAGEBLATT gebeten hat: Im wöchentlichen Wechsel mit Gerhard Walter, der seit reichlich einem Jahr als Kolumnist unserer Zeitung tätig ist, wird Campbell künftig persönliche Betrachtungen für die Wochenend-Ausgaben beisteuern. Die beiden kennen sich, haben aber sicher unter anderem aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe ganz andere Perspektiven auf Hoyerswerda und die Menschen hier.

Philip Campbell kann sich zum Beispiel wunderbar darüber amüsieren, wie zeitig man hierzulande morgens aufsteht: „Zu einer Zeit, zu der man sich in Irland als Frühaufsteher wie ein Held fühlt, sind hier schon alle auf den Beinen.“ Solche Dinge, die ihm auffallen, zu Papier zu bringen, ist er gewohnt. Philip Campbell ist nämlich ein erfahrener Rechercheur und Reporter. Reichlich ein Jahrzehnt lang betrieb er in der nordirischen Hauptstadt Belfast eine Firma für Film- und Fernsehproduktion. Die meist historischen und kulturellen Reportagen von „Tobar Production“ liefen vor allem im irischsprachigen Kanal TG 4.

In der irischsprachigen Gesellschaft auf der grünen Insel ist Campbell also alles andere als ein Unbekannter. Trotzdem war er überrascht, als Anfang 2010 in Hoyerswerda ein Bus neben ihm hielt und der Fahrer ihn auf einen Artikel im TAGEBLATT ansprach, der am selben Tag unter der Überschrift „Ire feiert St. Patrick’s Day in Hoyerswerda“ erschienen war. „Dass ein Bus meinetwegen anhält, war mir zu Hause noch nicht passiert“, erinnert sich Philip Campbell heute lachend.

Er hat mittlerweile auf privater Basis eine Art kleinen irisch-deutschen Kultur-Austausch auf die Beine gestellt. 2011 etwa waren KuFa-Tänzer im Belfaster Kulturzentrum „McAdam O’ Fiach“, um dort den Film zu „Eine Stadt tanzt“ vorzustellen. Und nachdem Freunde von ihm sowohl beim „Auszeit“-Projekt der KuFa als auch im Bergbaumuseum musiziert haben, stellt er erfreut fest: „Das Vorurteil ist wahr: Deutsche lieben irische Musik.“

Das gilt mit Abstrichen wohl auch für den berühmten Belfast-Punk: Als die KuFa im Juni einen Film über dessen „Vater“ Terri Hooley zeigte, gab sein Bekannter Philip Campbell hinterher bei einem Filmgespräch gern Auskunft über die Rolle des Punk in den Hochzeiten des etwas verniedlichend „Troubles“ („Ärger“) genannten nordirischen Bürgerkriegs. Nun also gibt es deutsch-irische Ansichten in der Zeitung. „Täglich ziehe ich Vergleiche“, sagt Philip Campbell. Eine Idee davon, wie das so aussieht, bekommen Sie hier.

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