Spinnräder drehen sich in einer Altstadtstube

Mittwoch, 21. Januar 2015

riard-Dame „Pepa“ ist sozusagen der „Star“ der wöchentlichen Handarbeits- und Handwerksrunde bei Familie Heyne. Die ausgekämmten Haare der Hündin werden – neben Alpakahaaren und Schafswolle – gesponnen.
riard-Dame „Pepa“ ist sozusagen der „Star“ der wöchentlichen Handarbeits- und Handwerksrunde bei Familie Heyne. Die ausgekämmten Haare der Hündin werden – neben Alpakahaaren und Schafswolle – gesponnen.

Von Anja Wallner

Verlassen und still wirken die Hoyerswerdaer Straßen an diesen stürmischen, kalten und dunklen Abenden, gerade an den Sonntagen. Was aber nicht bedeutet, dass sich hinter den Häuserfassaden ebenso nichts regt, im Gegenteil. Im Haus von Familie Heyne in der Altstadt lebt an den Sonntagabenden zwischen 1. Advent und Mitte März die alte Tradition der Spinnstube wieder auf. Zehn, zwölf Frauen und Männer – Nachbarn und Freunde – treffen sich hier zum Spinnen, Klöppeln, Handarbeiten, Schnitzen…, aber eben auch zum Plaudern, Essen, Trinken und geselligen Beisammensein.

Gemütlich ist die große Stube, ofenwarm, mit alten Werkzeugen dekoriert. Blickfang ist noch der große Weihnachtsbaum. An der Seite stehen abgedeckte Schüsseln fürs gemeinsame Abendessen. Abwechselnd steuert jeder etwas dazu bei. Am langen Holztisch und in der Sofaecke lässt es sich wunderbar erzählen und arbeiten. Wobei diese Runde keine strenge „Handarbeitsstunde“ ist.

„Manchmal bleiben die Nadeln auch unten“, erzählt Carola Heyne, die Gastgeberin der Spinnrunden. Sie hatte auch die Idee, sich an den Sonntagabenden hier zusammenzufinden. Den zweiten Winter trifft sich die Runde nun schon. Den Ausschlag dafür gab eine, die allsonntäglich mit dabei ist und es sich gern zu Füßen der Gäste gemütlich macht: die heynesche Haus- und Hofhündin „Pepa“, ein Briard. Das ist eine ursprünglich als Schutz- und Hütehund genutzte langhaarige französische Rasse. Und „Pepa“ muss regelmäßig gekämmt werden, verliert so viele lange, weiche Haare… Carola Heyne, deren Schwiegermutter Irmgard ein altes Spinnrad besitzt, kam also auf den Gedanken, die Hundehaare zu Wolle zu spinnen und das alte Handwerk dabei gleich noch selbst zu lernen. Gleich gesinnte Bekannte fanden sich rasch zusammen. Oma Irmgard, die natürlich auch an den Sonntagen mit von der Partie ist, fungiert bis heute als „Lehrmeisterin“. „Chefin“ wird sie an diesem Sonntag auch genannt. Und die erwachsenen Schüler müssen lernen, dass Oma(s) beim Weitergeben handwerklicher Fertigkeiten eher zu Kritik als zu Lob neigen…

Drei Spinnräder bewegen sich an den Sonntagen. In der Sofaecke wird geklöppelt und gehäkelt. Neben Irmgard Heynes Spinnrad dreht sich das neu gekaufte von Schwiegertochter Carola und eines von Freundin Andrea Apel, die sich das Spinnrad wiederum von einer Freundin geliehen hat. Geduld und zwei Sonntags-Sitzungen hat es gebraucht, bis man das Spinnen grob hinbekommt, meint Andrea Leistner. Anfangs habe die Oma nur den Faden geführt, und die „Schülerinnen“ mussten treten, um ein Gefühl für das Gerät zu kriegen.

Und die Männer? Früher haben sich die Burschen mit Neckereien in den Spinnstuben hervorgetan. Lustig geht es natürlich auch in der heyneschen Stube zu. Aber die Männer in der Runde haben dafür gesorgt, dass die Mechanik der Spinnräder einwandfrei funktioniert, dass der Antriebsfaden die richtige Spannung hat. Sie haben schon selbst gemachten Wein verkorkt, einen Adventskranz gebaut, Weihnachtsdeko geschnitzt. Das diesjährige Projekt ist eine Teufelsgeige, die fast fertig an der Wand lehnt. Irgendwann wird dieses lärmende Rhythmusinstrument mal zum Einsatz kommen – die Zamperzeit ist schließlich nicht weit. Und sie kämmen die Wolle mithilfe einer eigens angeschafften Kardiermaschine – so etwas gibt es heutzutage übers Internet. Früher wurden dafür Kardätschen, eine Art grobe Bürste, verwendet. „Eine elende Arbeit“, meint Oma Irmgard, die so ein Gerät noch zu Hause hat. Und alle gemeinsam haben sie schon echte Thüringer Klöße zubereitet - irgendwo auch ein richtiges Handwerk.

Neben dem braunen Hundehaar spinnen die Frauen helle und dunkle Schaf- und Alpakawolle. Letztere bekommt Andrea Leistner von einer Freundin, die Alpakas hält. Wobei Alpakawolle nicht korrekt ist. Auch Alpakas haben Haare, wenngleich sie sich wollig anfühlen. Das hat etwas mit der Struktur der Haare zu tun. Im Gegensatz zur Schafwolle verfügt Alpakahaar über Hohlräume, die für eine bessere Wärmeisolation sorgen.

Andrea Leistner hat unter anderem Socken aus selbst gesponnenen Alpakahaaren gestrickt. Im Moment hat sie noch kein „Strickprojekt“. „Das Problem ist, dass reine Alpakawolle nachgibt und nicht in Form bleibt.“ Um einen Pulli herzustellen, der nicht ausleiert, müsste also andere Wolle beigemischt werden. Oma Irmgard hat schon etliche Westover und Pullover fertig, und Carola Heyne hat ihr erstes „Hundeobjekt“ begonnen. Eine Jacke soll aus der angefangenen Strickarbeit werden. Rau und fest fühlt sie sich an, obwohl die Hundehaare an sich ganz weich sind. „Es ist anstrengend, Hund zu verstricken“, sagt sie.
Mehr als fünf Reihen hintereinander schafft man kaum.

Einig sind sich alle, dass das gemeinsame Werkeln Spaß macht – aber auch die Wertschätzung für die Arbeit anderer gestiegen ist. Denn Wolle muss sortiert, gekämmt, gesponnen, gewaschen, getrocknet werden. Alles Dinge, die erledigt sein müssen, bevor man überhaupt damit beginnt, ein Kleidungsstück anzufertigen.
Noch einige Wochen werden sich die Hoyerswerdaer in der Spinnstube treffen. Dann ruft irgendwann wieder der Garten, der gepflegt werden will.

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