Ohne Ohrenschützer

Dienstag, 07. April 2015

Das Osterläuten ist eine schöne, anstrengende Tradition.
Das Osterläuten ist eine schöne, anstrengende Tradition.

Von Rainer Könen

Nun ja, für furchtsame Gemüter ist das vielleicht nicht unbedingt zu empfehlen: sich in der Osternacht, kurz nach 23 Uhr, in eine auf einem Friedhof gelegene Kapelle zu begeben. Allein, versteht sich. Und dann auf einer wackligen Holzstiege nach oben zu klettern, in den Glockenturm des Gebäudes. Dorthin, wo man den Wind an manchen Tagen so schauerlich heulen hören kann.

Aber Helmut Pink ist nicht furchtsam. Warum auch? Der freundlich dreinblickende 74-Jährige lässt in der Osternacht in Sabrodt alljährlich eine Jahrhunderte alte Tradition aufleben: das Osterläuten. Um an die Auferstehung Jesu zu erinnern. Auch in Bluno und Klein Partwitz wird in der Osternacht diese Tradition gepflegt. Immer verbunden mit dem Entzünden des Osterfeuers. Mit 18 Jahren läutete Helmut Pink die Glocke der örtlichen Kapelle das erste Mal. „Angst hatte ich damals auch nicht“, erzählt der frühere Kfz-Ausbilder. Seit 1973 läutet der Sabrodter nun ununterbrochen in jeder Osternacht die Glocke.

Darauf bereitet er sich jedes Mal mental vor. Es gilt für ihn, die Glocke sauber zum Klingen zu bringen. „Ich sehne den Moment geradezu herbei, wenn ich läuten kann“, erzählt der frühere Ortsvorsteher Pink. Es sei wie eine Art Erlösung, wenn er von halb zwölf an ununterbrochen an dem Strick ziehen könne. Bis kurz vor Mitternacht ist die Glocke weit über den Ort hinaus zu hören. Alle Anspannung verliere sich in diesen Momenten, erzählt er. Wenn er über sich die Glocke schwingen sieht, zieht ein befreiendes Lächeln über sein Gesicht. Trotz des ohrenbetäubenden Lärms. Doch Ohrenschützer trägt er nicht. „Ich brauche keine.“ Was erstaunlich ist, denn die Dezibelstärke ist nahe der Glocke beträchtlich. Schon nach einem „Klong“ klingelt es einem mächtig in den Ohren. Er höre nach wie vor ganz gut. Kein Problem. Es ist eine schweißtreibende Arbeit. Sieht man ihm an. Die Kälte im Glockenturm verspürt er jedenfalls nicht. Um Punkt zwölf Uhr lässt er wieder den Klöppel schwingen, zwölf Mal. Dann verhallt das letzte „Klong“ über dem Friedhof.

Helmut Pink ist zufrieden. Er zieht seine wärmende Jacke über, greift zur Taschenlampe, knipst das Licht in der Kapelle aus. Die Tür schließt sich mit einem Knarren hinter ihm. Er geht gemächlichen Schrittes über den Friedhof. Es ist still, nicht mal der Wind ist zu hören. Helmut Pinks Tag ist damit noch nicht vorüber. Er passiert die stillgelegten Bahngleise, biegt kurz darauf in die Dorfstraße ein. Ihn zieht es auf ein Feld vor dem Ort. Zum Osterfeuer. Um sich auszutauschen, mit den Sabrodtern. Die sicher wissen wollen, wie es denn dieses Mal war, das Osterläuten.

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