Nicht aufgeben!

Dienstag, 08. September 2015

Bianca kann sich auf andere verlassen. Ihre Familie, ihre Freunde und völlig fremde Menschen haben in den vergangenen Wochen getan, was in ihrer Macht stand. Wohin der gemeinsame Weg die Schicksalsgemeinschaft führen wird, weiß niemand
Bianca kann sich auf andere verlassen. Ihre Familie, ihre Freunde und völlig fremde Menschen haben in den vergangenen Wochen getan, was in ihrer Macht stand. Wohin der gemeinsame Weg die Schicksalsgemeinschaft führen wird, weiß niemand

Von Mandy Decker

Manchmal ist das Leben perfekt. Und dann, von einer Sekunde zur anderen, ist es plötzlich nicht mehr perfekt. Es entgleitet, rutscht über einen Abhang und hängt an einem dünnen Faden, den nur eine äußere Kraft wieder stabilisieren kann. So eine Kraft ist die Freundschaft, die Bianca B. mit den Menschen aus ihrem früheren Leben verbindet. Diese Menschen haben der von den Folgen eines Unfalls schwer getroffenen Frau nun in Bergen eine zweite Chance aufgebaut.

Es ist der 21. September 2014. Gegen 17.30 Uhr fährt Bianca B. mit Sohn Kenny nach einem Wochenende bei Freund Patrick von Hoyerswerda in ihre Wahlheimat Dresden. Warum der kleine Mitsubishi sich in einer weitläufigen Rechtskurve in die Gegenfahrbahn dreht, wird im Nachhinein nicht zu klären sein. Fakt ist, dass der von dort kommende Audi seitlich in das Heck des Fahrzeuges einschlägt und Bianca mit dem Kopf gegen den Mittelholm prallt. Während seine Mutter zwar bei Bewusstsein, aber handlungsunfähig ist, behält der siebenjährige Kenny trotz Oberschenkelhalsbruch die Nerven. Im ganzen Auto sucht er nach dem Handy seiner Mutter, ruft schließlich eine Freundin in Dresden an und berichtet ihr von der Katastrophe. Als kurz darauf die Hilfskräfte eintreffen, blutet Bianca bereits aus der Nase. Es ist ein kleines Anzeichen für einen gewaltigen Umbruch im Leben der Familie und des Freundeskreises der jungen Mutter.

Mehrere Operationen muss Bianca noch am selben Tag überstehen. Weitere folgen in den nächsten Tagen und Wochen. Der dünne Faden, an dem ihr Leben hängt, dehnt und stabilisiert sich immer wieder. Für alle Beteiligten ist es ein Auf und Ab der Gefühle, Ängste und Hoffnungen. Mal bringt die Schwerverletzte den Mut und die Stärke auf, um durch Augen- oder gar Fingerbewegungen mit ihrer Umgebung Kontakt aufzunehmen. Einmal spricht sie sogar einen ganzen Satz. „Ich kann das nicht“, sagt sie plötzlich zu Freund Patrick. Eine kurze, vorübergehende Verbindung der Nerven sei die mögliche Ursache, mutmaßen Ärzte und Pfleger. Meist reicht Biancas Kraft aber noch nicht einmal aus, um überhaupt irgendein Zeichen zu geben. Doch sie gibt nicht auf. Im Oktober kann sie die Intensivstation verlassen. „Endlich Reha“, teilt ihr Lebensgefährte Patrick den Freunden zuversichtlich mit.

Fast drei Jahre sind Patrick und Bianca ein Paar, als der Unfall passiert. Warum er das alles für sie tut? „Weil sie es einfach verdient hat“, sagt Patrick aus herzenstiefer Überzeugung. Es ist der feste Glaube an eine gemeinsame Zukunft mit Bianca und Kenny, die den jungen Mann durch die Monate mit Intensivstation und Reha trägt. Dass Bianca schließlich im Mai, zwei Monate vor ihrem 40. Geburtstag, in ein Dresdener Pflegeheim verlegt wird und dort angesichts des reizarmen Alltags sichtlich an Lebensmut verliert, bestärkt Patrick in seiner Entscheidung, die für ihn von jeher feststand. Er wird seine Freundin und Kenny zu sich nach Bergen holen. Koste es, was es wolle.

Noch im Oktober beginnt der Montagearbeiter, an den Wochenenden sein Haus in der Elsterheide umzubauen. Jede einzelne der wenigen freien Minuten verbringt er auf den Straßen zwischen Hoyerswerda und Dresden, um bei Bianca zu sein. Nach und nach geraten Patrick und seine vielen fleißigen Helfer jedoch an ihre Grenzen. Sie arbeiten weit in die Nächte hinein und treten morgens ihre Jobs an. Trotz aller Mühe aber kommt der Zeitplan ins Wanken. Bis Ende August, als Bianca aus dem Heim kam, musste alles fertig sein. Kenny und seine Großmutter sollen schon früher einziehen, damit der Junge sich einleben und auf die neue Schule vorbereiten kann.

Und als die Situation wirklich eng wird, da muss und kann auch Patrick sich auf andere verlassen. Die Freunde übernehmen die Verantwortung. Sie stellen Öffentlichkeit her, bitten um Unterstützung und treten so einen wahren Sturm der Hilfsbereitschaft los. Handwerker jeglicher Gewerke stehen plötzlich in Haus und Garten. Privatpersonen finanzieren Materialkäufe. Ein Fahrdienstleiter spendet den Lohn einer ganzen Nachtschicht. „Heute Nacht fahren alle Züge für Bianca“, postet er im sozialen Netzwerk. Maler streichen von einer Stunde zur anderen ganze Räume. Fliesenleger machen die Böden rollstuhltauglich. Die extra breiten Türen bekommen passgenaue Zargen. Und ein Putztrupp bringt alles auf Hochglanz. In kürzester Zeit wird aus einem schnuckeligen Häuschen, das zuvor, wie es eine Freundin beschreibt, „wunderbar zu bewohnen war, wenn keiner krank ist“, ein barrierefreier Wohntraum. Was die Gemeinschaft aber besonders freut: Ein Hoyerswerdaer Arzt hat sich gemeldet und sich bereit erklärt, Biancas allgemeinmedizinische Betreuung zu übernehmen. Die Familie hatte in der Stadt lange Zeit vergeblich nach einem Hausarzt gesucht.

Am dritten Wochenende im August ist es vollbracht. Wieder schließt sich die inzwischen etwa 40 Helfer zählende Gemeinschaft zusammen, um in einem ersten Schritt den Umzug von Kenny und seiner Großmutter aus Biancas Wohnung in Dresden in das neue Zuhause in Bergen zu stemmen. Ein Umzugsunternehmen hat Kisten und Transporter bereitgestellt. Am frühen Morgen macht sich eine Abordnung auf den Weg nach Dresden. Staunend betritt Kenny am Nachmittag zum ersten Mal das umgebaute Haus. Besonders cool findet er sein Zimmer und das geräumige Bad mit der großen Regenschauerdusche, sagt der Junge nach einem ersten Rundgang. Dann verschwindet er mit seinen Cousins, die ebenfalls in Bergen zu Hause sind, auf den benachbarten Spielplatz. Die Jungen haben viel zu besprechen.

Im Flur aber liegen sich Patrick und seine Schwiegermutti lange in den Armen. Bis hierher sind sie einen weiten Weg miteinander gegangen. Doch auch dieser Einzug ist nur eine von vielen weiteren Stationen in einem neuen, einem anderen Leben der Familie. Die Voraussetzungen sind geschaffen. Von nun an werden alle Beteiligten ihre ganze Energie in Biancas Genesung investieren. Dazu gehört, ihr jegliche therapeutische Unterstützung zukommen zu lassen, die möglich ist. Denn die kassenärztlichen Leistungen reichen für echte Heilungsfortschritte nicht aus. Davon sind Patrick und seine Mitstreiter überzeugt.

Ob konventionelle Medizin, Bewegungs- und Sprachtherapien, Heilkunde oder das Schwimmen mit Delfinen. Familie und Freunde möchten Bianca jedes Angebot machen, das ihr die Rückkehr ins Leben erleichtert. Und sie hoffen, Unterstützer zu finden, die die junge Mutter nicht abschreiben, sondern ihren jetzigen Zustand als medizinische, therapeutische oder auch wissenschaftliche Herausforderung verstehen. Sie suchen Ärzte, die sich fragen, warum Bianca diesen einen Satz sprechen konnte und dann wieder in der Dämmerung versunken ist. Denn in diesem unverhofften Lichtblick ist für Patrick, seine Schwiegermutti und besonders den kleinen Kenny unendlich viel Hoffnung auf eine gemeinsame Zeit „danach“ aufgeblitzt. Wer irgendwie helfen möchte, kann Patrick unter der Telefonnummer 0152 29520162 erreichen.

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