Mehr Mut zur Eigenverantwortung

Montag, 19. August 2013

Beim Arbeitseinsatz auf der Passage an der Bonhoeffer-Straße packten Vertreter aller Generationen mit zu. Zu den Teilnehmern gehörten beispielsweise Tom Hauptmann (35), Rosita Hennersdorf (60) und Anika Becker (4).
Beim Arbeitseinsatz auf der Passage an der Bonhoeffer-Straße packten Vertreter aller Generationen mit zu. Zu den Teilnehmern gehörten beispielsweise Tom Hauptmann (35), Rosita Hennersdorf (60) und Anika Becker (4).

Unkraut wuchert zwischen den Gehweg-Platten. Laub sammelt sich zuhauf an den Rändern. Es verstopft auch viele Regenwasser-Rinnen. Am Samstag änderte sich das grundlegend. Denn auf der Fußgängerpassage an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße regen sich Sonnabendmorgen fleißige Hände. „Ich finde das top-fit. Dabei sein ist alles. Gebraucht werden ist alles“, meint Rosita Hennersdorf (60) und harkt eifrig mit. Wie viele andere ist sie dem Aufruf der Facebook-Initiative Stadtwunder zum Arbeitseinsatz gefolgt. Zum ersten Mal nimmt sie teil. Erst vor drei Jahren zog sie von Wittichenau nach Hoyerswerda. Ihre Urheimat ist Bad Liebenwerda.

Im Stadtbild Hoyerswerda stoßen ihr vor allem der Müll und die Schmierereien auf. „Hier muss unbedingt was passieren“, findet sie. „Das können wir nicht so lassen.“ Meint auch Einwohner Karl-Heinz Noack (85). Seit Mitte der 1980er Jahre lebt er in Hoyerswerda. Im Synthesewerk Schwarzheide lernte er früher Chemiefacharbeiter. „Ich habe in Schichten gearbeitet. War Anlagenfahrer“, erzählt der 85jährige, der heute sogar noch Marathon läuft. Beim Arbeitseinsatz packt er ohne große Worte mit zu. Auch OB-Kandidat Ralph Büchner und Landtagsabgeordnete Marion Junge (beide Linkspartei) wirken mit.

„Wir sind hier Anlieger mit unserem Büro. So ist es uns ein Bedürfnis mitzuhelfen“, meint Ralph Büchner. „Gerade in den Wohngebieten der Stadt sollte es viel mehr solche Initiativen geben. Sie können die Stadt unterstützen und entlasten. Denn oft hat sich die Haltung eingebürgert: Die Kommune wird es richten.“

Die Facebook-Initiative will wachrütteln und immer wieder mit Taten sensibilisieren. 17 Einwohner gehören ihr aktiv an, die Zahl der Freunde ist bedeutend größer. „Nicht auf Wunder warten - selbst Stadtwunder starten“ heißt ihr Motto. „Wir wollen möglichst alle Generationen erreichen. Jugendliche, Familien, auch Rentner sind angesprochen“, meint Mit-Initiatorin Doreen Becker. „Willkommen ist jeder, dem das Stadtbild wichtig ist. Denn gerade das Stadtbild ist ein Aushängeschild für Hoyerswerda.“ Vor allem die Nebenstraßen, so betont sie, wirken stark vernachlässigt. Hier gibt es viel zu tun für mehr Ordnung und Sauberkeit. Dafür will die Initiative Interesse wecken. Zugleich lernen sich ihre Mitglieder besser kennen. „So etwas schweißt auch zusammen“, unterstreicht Doreen Becker.

Am 25. Mai rief die Initiative erstmals zum Einsatz auf. Im Indianerdorf am früheren Y-Hochhaus trafen sich spontan rund 30 Helfer. Sie reinigten zusammen die Spielplätze. Sie schafften Müll aus dem Wald. Sogar einen kompletten Schrank bargen sie beim Einsatz. Von den Spielplätzen galt es, Glasscherben und Zigarettenkippen zu entfernen. „Die Stadt stellte uns einen Container bereit“, so Doreen Becker. „Der war am Ende zu drei Vierteln voll … Die Aktion kam gut an.“ Als kleine Gruppe verschönerte die Initiative Stadtwunder später die Fläche am früheren Jugendklub „Laden“ an der Hufeland-Straße. Sie pflanzte dort Blumen an. Auch hier kam von den Anwohnern ein gutes Echo.

„Wir sind keine typischen Mecker-Leute. Wir wollen selbst mit zupacken“, schildert Doreen Becker. „Denn wir alle sind die Stadt.“ Mitstreiter Olaf Grottke, der immer wieder viele Schmutzecken in der Stadt fotografiert, sieht das ähnlich. Er freut sich über den gewachsenen Zuspruch bei den Einsätzen. Er freut sich über jede neue zupackende Kraft. „Wir brauchen mehr Mut zur Eigenverantwortung in der Stadt“, sagt er nachdenklich. „Wir wollen die Einwohner auf Missstände aufmerksam machen.“ In den nächsten Wochen will die Initiative noch stärker in die Öffentlichkeit. Sie will sich auch für soziale Projekte mitengagieren und nicht nur auf Arbeitseinsätze beschränken.

Tom Hauptmann (35), der seit dem frühen Morgen mit zupackt, kann das nur begrüßen. Seit 1983 lebt er in Hoyerswerda. Damals zog er von Königsbrück hierher. Über Facebook fand er im Internet zur Initiative Stadtwunder. „Die Stadt allein bekommt die Schmutzecken nicht in den Griff. Sie sieht meiner Meinung nach auch viel weg bei der Pflege der Grünanlagen“, meint er. „Da hilft nur mehr Eigeninitiative. Wir Einwohner können durchaus etwas leisten für mehr Sauberkeit und Ordnung. Und wir sollten auch etwas leisten.“ Am Ende des achtstündigen Arbeitseinsatzes türmen sich die Säcke mit dem beseitigten Schmutz und Grün und warten auf ihren Abtransport. Ein kleines Schild wirbt zudem darum, dass andere das Geleistete achten – und nicht gleich wieder vermüllen.

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