Kürassier von Hillmanns Gnaden

Mittwoch, 26. Juni 2013

Feind schon in Sicht? – TAGEBLATT-Mitarbeiter Rainer Könen – hier bei einer Probe – spielt beim Sommertheater auf der Bautzener Ortenburg einen Kürassier im Stück „Senf für Bonaparte“.
Feind schon in Sicht? – TAGEBLATT-Mitarbeiter Rainer Könen – hier bei einer Probe – spielt beim Sommertheater auf der Bautzener Ortenburg einen Kürassier im Stück „Senf für Bonaparte“.

Ich komme immer zu früh. Zur Probe. Zum Bewegungstraining. In die Maske. Und weiß auch nicht, dass ich bei Renate anschreiben lassen kann. Ich bin der Neue im Sommertheater-Ensemble des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen und daher weiß ich ebenfalls nicht, dass Intendant Lutz Hillmann auch dann zur Probe auf die Bautzener Ortenburg bittet, wenn Wetterverhältnisse herrschen, bei denen man am liebsten im Bett bleiben würde. Es regnet an diesem Abend in Strömen und die Temperaturen sind auch nicht gerade das, was man sommerlich nennen könnte. Wie es in der Schlacht bei Bautzen zugegangen ist, weiß Hillmann natürlich.

Aber ob die Abläufe bei der Darstellung dieses Gemetzels auf der Bühne reibungslos klappen, das ist in diesen Abendstunden die Frage. Hier und dort hakt es noch. Also wird geprobt. Während der Rest des Ensembles Feierabend hat, müssen die kleindarstellenden Preußen, Russen und Franzosen ran und sich einweichen lassen. Wir alle tragen Regencapes über den historischen Uniformen und das sieht irgendwie ziemlich urkomisch aus. Ich sitze auf einem Papppferd. Der Sattel naß, der Regen läuft in meine Stiefel, die Reithose klebt an meinen Beinen. Es ist kühl.
Eigentlich kann ich es ja immer noch nicht so recht glauben, dass ich dabei bin. Von Beginn an habe ich das Bautzener Sommertheater besucht, habe mich in den zurückliegenden Jahren als Zuschauer häufig mit dem Wunsch ertappt, dort auch mal mitzuspielen. Wenigstens einen kleinen Part übernehmen zu dürfen.

In einer bescheidenen Rolle vor ausverkauftem Haus agieren zu können. Als ich im vergangenen Jahr erfuhr, dass das Sommerstück „Senf für Bonaparte“ – in dem etwas schräg-komischen Stück geht es um eine Bautzener Familie, die sich in den Wirren der Schlacht, die vor 200 Jahren stattgefunden hat, auf ungewöhnliche Weise durchschlägt – aufgeführt wird, dachte ich, das wäre ja toll, wenn man da mitmachen könnte. Ich muss wohl an irgendeiner Stelle laut über mein Vorhaben nachgedacht haben, jedenfalls bin ich nun dank einiger glücklicher Umstände dabei.

Auch, weil man bei so einem Stück nicht nur Fußsoldaten, sondern auch theatererfahrene Reiter für die Kavallerie benötigt. Bei den ersten Proben treffe ich auf Frank Leo und Jürgen Schlegel. Die beiden sind die Edelkomparsen des Sommertheaters, gehören sozusagen zur Ausstattung dieser Veranstaltung. Der eine, der Bautzener Leo, ist seit 18, der Oberguriger Schlegel seit 14 Jahren als Kleindarsteller dabei. Die beiden nehmen mich unter ihre Fittiche und ich werde mit Tipps und Ratschlägen versorgt. Etwa, wie man die Schauspieler händelt. Und ganz wichtig: dass Pünktlichkeit und preußische Disziplin im Sommertheaterbetrieb ein absolutes Muss sind. Auf der Kostümschau vor zwei Wochen dämmerte es mir so langsam: Ich bin tatsächlich dabei. Als Kürassier. Trage eine Uniform, in der man sicher nicht nur auf dem Bautzener Bühnenball eine prima Figur abgeben würde.

Seit zwei Wochen wird nun täglich geprobt. Für mich ist es ein Wechsel zwischen zwei Welten. Hier der Arbeitsalltag in der Redaktion, dort die Theaterwelt. Da muss man sich auch immer mental neu justieren. Ja, diese Theaterwelt. Vom jovialen Künstlerdasein ist beim Sommertheater kaum etwas zu merken. Eigentlich gar nichts. Denn das Sommertheater ist eine perfekt funktionierende Maschinerie, besteht aus einem ausgeklügelten Räderwerk hinter den Kulissen. Hier arbeiten die Darsteller, Techniker, Maskenbilderinnen, Requisitenkräfte und die anderen Helfer miteinander, um so dieses Stück entstehen zu lassen. Und im Kommandostand dieser Produktion sitzt Lutz Hillmann.

„Sag mal, Rainer, wie hältst du denn deinen Säbel?“, schaut mich Hillmann erstaunt an, als ich mit meinem Pappferd wieder über die Bühne rolle. Ich bin Linkshänder. Bekomme wenig später einen Eindruck, dass Linkshänder im Theater Mehrarbeit verursachen. Bei der Requisite. Die Gurte für die Patronentasche und die Säbelschleppe müssen umgearbeitet werden.

Es regnet weiter. Gleich soll sie losgehen, die Schlacht um Bautzen. Aber eigentlich wäre ich lieber in der Theaterkantine, einen Glühwein trinken. Habe ich Geld dabei? Egal. Ich kann ja bei Theaterkantinenwirtin Renate anschreiben lassen. Was sagt der Wetterbericht für den morgigen Donnerstag, wenn die Premiere ansteht? Es soll auf jeden Fall nicht mehr regnen. Da werden wir die Regencapes also nicht brauchen.

Zurück

Einen Kommentar schreiben