Kleine Episoden der Weltgeschichte

Samstag, 27. April 2013

Am Fuße des Eichbergs bei Weißig ist der Fahrrad-Rastplatz mit diesen bemalten Holz-Stelen verziert und erinnert an das Gefecht am 19. Mai 1813.
Am Fuße des Eichbergs bei Weißig ist der Fahrrad-Rastplatz mit diesen bemalten Holz-Stelen verziert und erinnert an das Gefecht am 19. Mai 1813.

Als Jean Offerman stirbt, ist er viele hundert Kilometer von seiner Heimatstadt Straßburg entfernt. Eine preußische Kugel setzt dem Leben des französischen Husaren unweit des Weißiger Eichbergs ein Ende. Am späten Nachmittag des 19. Mai 1813, als er versucht, die Stellung der auf der Anhöhe aufmarschierten Preußen und Russen auszukundschaften. 43 Jahre ist der Elsässer alt.

Ein Schicksal von vielen in jenen Tagen. Im Laufe der napoleonischen Fremdherrschaft über Europa verlieren Millionen Menschen ihr Leben. Zumeist auf den Schlachtfeldern. Von Napoleons 60 Schlachten sind den meisten fast nur die in Leipzig und Waterloo in Erinnerung. Die anderen Auseinandersetzungen sind nur kleine Episoden in der Weltgeschichte.
In den Befreiungskriegen 1813 ging es auch in der hiesigen Region zum Teil sehr turbulent zu. Wer sich in diesen Tagen einmal die Zeit nimmt, um den bei Weißig gelegenen Eichberg zu besuchen, hinunter auf die weit ausgedehnten Wiesen und Felder schaut, einen Blick auf die links von dieser Erhebung gelegene schnurgerade Anordnung von Birken wirft, dort, wo früher die Straße entlangging, die von Spremberg nach Bautzen führte, der kann sich mit etwas Fantasie vorstellen, was sich hier vor 200 Jahren zwischen den sich bekriegenden Parteien abgespielt haben mag.

Nachdem Preußen im Februar 1813 mit Russland ein Militärbündnis schloss und Frankreich einen Monat später den Krieg erklärte, wurde bei den Frühjahrsfeldzügen die Lausitz zum Aufmarsch- und Durchzugsgebiet französischer, russischer, preußischer und italienischer Truppen. Da rückten kleine Dörfer und Orte in der Region, zeitgeschichtlich gesehen, für einen kurzen Moment in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.

Wer heutzutage wissen will, was sich zwischen Hoyerswerda und Bautzen abspielte und nach entsprechender Literatur sucht, um en détail zu erfahren, wie das in jenen Jahren war, als die Franzosen Hoyerswerda besetzten, sich in Königswartha die mit den Franzosen verbündeten Italiener heftige Straßenkämpfe mit Russen lieferten und was sich in den Kämpfen rings um den Weißiger Eichberg ereignete, die ja gewissermaßen nur der Prolog für die am Tag darauffolgende Schlacht um Bautzen waren, der hat es nicht leicht.

In Hoyerswerda hatte man 1824 Dokumente und zahlreiche Chroniken aus der napoleonischen Zeit ins schlesische Liegnitz ausgelagert, wo ein Brand jedoch dann alle Unterlagen vernichtete. Wer sich in der Brigitte-Reimann-Bibliothek in Hoyerswerda umschaut, der findet über die Geschehnisse in der Region kaum Lektüre. In einigen Büchern sind kurze Hinweise auf die Schlacht am Eichberg aufgeführt, werden hier und da in einigen wenigen Sätzen die Leiden der Bevölkerung geschildert. Einen recht ausführlichen Eindruck über die Situation und Lage vor und nach dem 19. Mai findet sich in einem 1956 erschienenen Buch mit dem schlichten Titel „Heimatkalender Hoyerswerda“.

Dort hat der Autor Gerhard Mölke der Schlacht am Eichberg ein Kapitel gewidmet. Auf ein paar Seiten wird in fast romanhafter Form die Stimmungslage dieses Tages, an dem sich mehrere Zehntausende Soldaten gegenüberstanden, wiedergegeben.

Versuche, die historischen Ereignisse in dieser Region während der Befreiungskriege zu rekapitulieren, sie in ihre Einzelheiten zu zerlegen und jedes noch so vermeintlich unwichtige Detail zu beleuchten, hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben. Was genau spielte sich wo zu welchem Zeitpunkt ab? Ortschronisten, Heimatforscher und Hobbyhistoriker können sich der Faszination dieser Zeit einfach nicht entziehen. Auch weil noch immer das ein oder andere verborgen geblieben ist, sich der Enträtselung entzieht.

Was ist beispielsweise an dieser Geschichte dran, dass Napoleon unweit von Königswartha beinahe russischen Kosaken in die Hände gefallen wäre? Stimmt es, dass der französische Marschall Ney Maukendorf niederbrennen wollte, aus Ärger, weil er mit seinen Truppen nicht schnell genug vorankam? Und was ist mit dem Gerücht, dass das Schlachtfeld rings um den Eichberg den Weißiger Bauern in den folgenden Jahren höhere Erträge einbrachte, weil es mit Blut gedüngt war? Über vieles wurde und wird spekuliert. Doch wer sich auf Spekulationen nicht einlassen will, der braucht viel Zeit und Geduld, um an die entsprechenden Informationen zu kommen.

TAGEBLATT nimmt den bevorstehenden Gedenktag, den 19. Mai 2013, mit dem der 200. Jahrestag der Eichberg-Schlacht begangen wird, als Anlass, um in einer Serie nicht nur auf das zurückzublicken, was im Vorfeld dieser Auseinandersetzung geschah, sondern auch Menschen wie den Hermsdorfer Ralf Schramm oder den Königswarthaer Werner Sporka vorzustellen. Der eine ist Heimatforscher und hat ein Buch über die Schlacht am Eichberg geschrieben, dem anderen gehört das Areal um den Eichberg. Beide sind mit ihrer Heimat eng verbunden, für beide ist die regionale Geschichte Teil ihres Lebens.

Zum Auftakt der Serie kommt Jens Kieschnick von der Lohsaer Gemeindeverwaltung zu Wort, der den touristischen Stellenwert eines Schlachtortes wie des Eichbergs einschätzt.

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