Katzenfutter ist nicht immer gut

Dienstag, 01. Dezember 2015

Marlies Krannich war am Donnerstag in der Awo-Kita „Am Elsterbogen“.
Marlies Krannich war am Donnerstag in der Awo-Kita „Am Elsterbogen“

Von Hagen Linke

Als der kleine Stachelball die Runde macht, zucken ein paar Kinderhände zurück. Einige der Drei- und Vierjährigen sehen an diesem Tag zum ersten Mal einen Igel. Da ist Vorsicht angebracht. Bei anderen legt sich die Scheu sehr schnell. Das liegt auch an Marlies Krannich. Die Hoyerswerdaerin, die kranke Igel pflegt, ist an diesem Tag mal wieder in einer Kindertagesstätte zu Besuch. Die Arbeit mit den Kindern macht ihr Freude. „Sie sind so begeisterungsfähig“, findet die Tierfreundin.

Die kleinen Säugetiere haben es Marlies Krannich seit etwa zehn Jahren angetan. Damals fand sie einige winzige Exemplare, verlassen von der Mutter, auf ihrem Grundstück in der Nähe der Grünewaldpassage. Mit viel Pflege, Wärme, Nahrung und tierärztlicher Unterstützung konnte den jungen Igeln geholfen werden. Seitdem bekommt sie jedes Jahr Igel. Entweder sind sie verletzt oder kurz vor dem Winter zu klein, zu leicht und zu schwach, um das Jahr zu überstehen. „Ziel ist immer, sie wieder auszuwildern“, sagt die „Igelmutter“.

So sieht es auch das Bundesnaturschutzgesetz. Igel sind Wildtiere und keine Haustiere. Eine Ausnahme macht Marlies Krannich bei einem fast blinden Tier, das ganzjährig bei ihr in einem Außengehege lebt. Der Igel wurde durch einen Rasentrimmer verletzt und leidet zudem unter einem Grauen Star. „Er bekommt bei mir das Gnadenbrot.“

Die Kita „Am Elsterbogen“, in der Marlies Krannich jetzt zu Gast war, hat sich schon Tage zuvor mit den Igeln beschäftigt. Vor den Gruppenräumen hängen Bilder und Basteleien. Die Kinder wissen schon einiges über die Tiere, etwa, dass sie sich gern unterm Laub verstecken, von dem es an der Kita jedes Jahr reichlich gibt.
Nun können sie ganz genau schauen, wie sie oben stachlig sind, unten weich und an den kurzen Beinen fünf bekrallte Zehen sind. Auf die Frage, was Igel denn fressen, fällt das Wort „Katzenfutter“. Sicher, sagt Marlies Krannich, Katzenfutter kann man den kleinen Tieren kurzzeitig geben, um sie „über den Berg zu bringen“. Tiere, die sie aufpäppelt, bekommen über längere Zeit ein Gemisch aus Katzenfutter, Haferflocken, geriebenen Nüssen, Sonnenblumen- oder Rapsöl und überreifen Bananen. Den Tieren bekommen auch Mehlwürmer, angeschwitztes Rinderhack oder gekochtes Hühnerklein. Igel sieht man aber auch an Äpfeln knabbern. Das liegt nicht daran, dass sie vor allem Obst mögen. Die Früchte, etwa an Streuobstwiesen, sind begehrt, weil die Insektenfresser auf der Suche nach Würmern sind. Dass die Kinder das Katzenfutter erwähnen, hatte seinen guten Grund. Frau Krannich ist immer froh, über eine kleine (Sach-)Spende, um die Kosten u. a. für den Tierarzt zu begleichen.

Im Gruppenraum der Kita schnuppern die kleinen stachligen Gesellen neugierig am Käfiggitter. Vorsichtig nimmt Marlies Krannich ein Tier heraus und zeigt einen roten Punkt auf dem Stachelkleid. Die Kinder lernen, dass es sich nicht um Blut handelt. Mit der roten Farbe sind die Weibchen markiert. Langsam wird es unruhig in der Kita-Gruppe. Marlies Krannich erklärt dennoch geduldig, warum die Tiere Winterschlaf halten müssen. Die „Igelmutter“ ist auch in Schulen zu Gast, vorrangig bei Erst- und Zweitklässlern. Dort kann sie auch konzeptioneller arbeiten als mit Vierjährigen. Es geht dann intensiver um die Ernährung oder die Feinde der kleinen Tiere. Einer davon: der Mensch. „Es ist erstaunlich, wie viele Erwachsene wenig über Igel wissen“, sagt Marlies Krannich.

Hinweise für Grundstücksbesitzer oder Gartennutzer gibt es viele, auch von Vereinen und Verbänden, bei denen sich die Hoyerswerdaerin in ihrer Arbeit Rat holt. Reisighaufen, die gute Igel-Verstecke sind,  sollten vor dem Abbrennen umgesetzt und auf Laubsauger sollte verzichtet werden. Igel stehen für giftfreie Gärten. Rattengift kann den Tieren zum Verhängnis werden. Einen Tag nach dem Kitabesuch hat Marlies Krannich einen neuen Pflegefall bekommen. Das Tier lag hilflos in einem Wasserschacht - dehydriert, halb verhungert und voller Zecken. Eigentlich dürfte im Dezember kein Igel mehr draußen herumlaufen. Jetzt ist es wichtig, die Tiere im sicheren Quartier schlafen zu lassen, mit etwas Laub, wind- und regengeschützt und ohne direkte Sonneneinstrahlung, die stören könnte. Wer tatsächlich noch einen Pflegefall findet, sollte ihn in professionelle Hände geben, sagt Marlies Krannich und zitiert den Verein Pro Igel e. V. „Nicht jeder Igel braucht Hilfe –  aber jede Hilfe muss richtig sein.“

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