In 121 Tagen um die Welt

Donnerstag, 09. August 2012

Julia Förster nahm sich für vier Monate eine Auszeit und reiste um die Welt. Hier ist vor den gewaltigen Iguazu-Fällen in Südamerika zu sehen.
Julia Förster nahm sich für vier Monate eine Auszeit und reiste um die Welt. Hier ist vor den gewaltigen Iguazu-Fällen in Südamerika zu sehen.

Flugtickets. Der Abflugsort steht da drauf, der Ankunftsort. Und in der Regel landet man beim Rückflug eben wieder dort, wo man losgeflogen ist. Bei Julia Förster verhielt es sich anders. Sie reiste nicht sofort wieder zurück. Sie reiste einfach weiter, allein – während ihrer viermonatigen Tour um die Welt. In nackten Zahlen ausgedrückt: 121 Tage, 41 898 Kilometer, 15 Flüge, zehn Länder, acht Zeitzonen, drei Kontinente. Nepal–Indien–Singapur–Indonesien–Australien–Neuseeland–Chile–Argentinien–Uruguay–Brasilien, so verlief die Route. Für Julia, die ursprünglich aus Lauta stammt, am Lessing-Gymnasium Abitur gemacht hat und seit einigen Jahren im irischen Cork lebt, der absolute Traum. Eine Weltreise schwebte der 35-Jährigen schon länger vor. Und sie träumte davon, ganz alleine auf Tour zu gehen. „Ich war neidisch auf die Leute, die das gemacht haben“, erzählt sie kürzlich während einer Stippvisite in Lauta und Hoyerswerda, bevor es am nächsten Tag gleich wieder dienstlich nach England ging. Julia arbeitet bei einem privaten Personaldienstleistungsunternehmen – und ihre Chefin hat der reisefreudigen Julia die Auszeit ermöglicht, die von Dezember 2011 bis April 2012 gedauert hat.
Ja, Julia ist eine Travellerin. Drei Mal Indien, Kambodscha, Südamerika… aber höchstens zwei Monate am Stück. Nun also vier. Indien und erneut Südamerika waren die unbedingten Ziele, „ansonsten war bis auf die Flüge nichts geplant.“ In Indonesien sei sie beispielsweise mit ihrem 16-Kilogramm-Rucksack angekommen, ohne zu wissen, wo sie die Nacht verbringen, welche Richtung sie überhaupt einschlagen sollte. „Ich liebe das: ankommen, nicht wissen, was einen erwartet, und wenn’s einem nicht gefällt, dann reist man einfach weiter.“
Aber über Nepal, ihre erste Station, gerät Julia gleich ins Schwärmen, trotz stundenlanger Stromausfälle, keiner Heizung und keinem warmen Wasser, sprich: frieren im Dunkeln. „Der Dschungel war toll – ich wusste gar nicht, dass es in Nepal überhaupt einen gibt!“ Elefanten hat sie gesehen, Nashörner, und in einem Dorf hat sie ein Elefantenrennen und ein – Elefantenfußballspiel erlebt. „Ich sage euch, was für ein Anblick! Die wenden sich so schnell und laufen rückwärts und schießen den Fußball zielsicher ins Tor!!!“, schrieb sie begeistert in ihrem Weltreise-Internetblog. Auch am Weihnachtsabend, irgendwo im Dschungel, mit einer kleinen Kerze, hat sie weder Tannenbaum noch Weihnachtsmusik vermisst. Und ganz allein sei man nie. „Ich habe unterwegs immer Leute getroffen.“
Auf Bali in Indonesien reiste sie beispielsweise für eine Woche mit einem Spieler der National Football League, der amerikanischen Profiliga im American Football. Der hatte, obwohl sicher finanziell komfortabel ausgestattet, kein Problem, sich bezüglich Unterkunft und Verpflegung an Julias gesetztes Indonesien-Budget von 30 Euro am Tag anzupassen.
Sie erzählt von der unglaublichen balinesischen Motorroller-Dichte – bis zu sechs Menschen drängen sich auf so einem Gefährt. Ein Erwachsener steuert, während er ein Baby oder auch eine riesige Tasche trägt. Auf dem Sozius ein weiterer Mitfahrer, der einen Korb auf dem Kopf balanciert – und dabei überholt das Moped vielleicht noch ein anderes, das im Übrigen auf der falschen Straßenseite fährt… Als Julia sich einen Roller ausgeliehen hat, musste sie nicht mal einen Führerschein vorweisen.
In Indonesien ist sie noch in echte Schwierigkeiten geraten, wobei ihr allerdings später ein fantastischer Zufall aus der Patsche half. Sie war in der Inselwelt der Gili Islands unterwegs – und verlor ihre Papiere, Portmonee, Kreditkarte. Zur nächsten Polizeistation ging es nur per Boot. Es war dunkel, extrem stürmisch, wackelig. „Ich dachte, wir würden hier alle ertrinken“, erinnert sich Julia mit Schaudern zurück. „Wir“, das waren sie selbst und noch drei andere Passagiere, mit denen sie ins Gespräch kam. Es stellte sich heraus, dass es drei Deutsche aus Hoyerswerda waren, die Julia zum Teil noch von der Schule her kannte. „Mit einem habe ich sogar im selben Orchester gespielt.“ Die Jungs konnten ihr dankenwerterweise anfänglich finanziell unter die Arme greifen; insgesamt aber blieb Julia zwei Wochen lang geld- und passlos – die Wiederbeschaffungsbürokratie macht auch am anderen Ende der Welt nicht Halt. „Das war schon ein ziemlich krasses Gefühl“, sagt Julia. Zwar hätten ihr viele Leute geholfen, aber Hunger habe sie doch ziemlich gehabt… Eine Freundin aus Cork, mit der ein Treffen in Australien ausgemacht war, brachte ihr aus Irland dann auch gleich ihre neue Kreditkarte mit.
Nach der Tour durch Australien und Neuseeland traf Julia dann in Santiago de Chile wie verabredet ihre jüngere Schwester Henriette, von der im Zuge dieser Serie noch zu lesen sein wird. Mit ihr bereiste sie einige Wochen lang Chile, Argentinien und Uruguay – und ging im argentinischen Mendoza 14 Tage lang täglich brav zur Sprachschule. Spanisch hat sie auf früheren Südamerika-Trips zwar schon gut gelernt, wollte es aber verbessern. Durch Südamerika kutschten die Schwestern hauptsächlich im Bus, manche Touren dauerten 25 Stunden. „Das ist sehr unterhaltsam“, findet Julia. Fürs Entertainment der Fahrgäste wird gesorgt, beispielsweise mit Bingospielen…
Patagonien wollte die Wahl-Irin unbedingt sehen, diesen menschenleeren Teil Südamerikas mit Bergen, Meer, Eis, Steppe. Im argentinischen Teil besuchte sie den National Park Los Glaciares mit dem, wie Julia sagt, atemberaubenden Perito Moreno Gletscher, der dortigen Hauptattraktion. Er ist im Schnitt unglaubliche 74 Meter hoch, fünf Kilometer breit, 30 Kilometer lang. „Es war einfach unglaublich, diesen riesigen Eiskoloss im türkisfarbenen Wasser zu sehen und auf das konstante Knacken in dessen Inneren zu hören“, schwärmt die Weltreisende. Und dann, von Zeit zu Zeit seien Brocken, so groß wie ein Haus mit lauten Getöse abgebrochen. „Eine unglaubliche Natur!“
Nachdem sie von Uruguay über Südbrasilien nach Nordargentinien gereist war (mit einer Nacht im Bus), verbrachte Julia noch drei entspannte Tage im argentinischen Puerto Iguazu, einer Kleinstadt im Dreiländereck zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay – die bekannt ist für die gleichnamigen gigantischen Wasserfälle. Sie bestehen aus 20 größeren und über 200 kleineren bis zu 82 Meter hohen Wasserfällen auf einer Ausdehnung von knapp Kilometern. „Überwältigend und ein großartiges Ende der ersten Weltreise“, kann Julia da nur sagen. Von Buenos Aires Buenos Aires aus ging‘s zurück nach Irland.
Vier Monate lang jeden Tag neue Eindrücke, ganz unterschiedliche Menschen, unterschiedliches Essen, unvergleichliche Landschaften – rückblickend zählt Julia einige unvergessliche Momente der vier Auszeit-Monate auf: Sie ist Nashorn-Fährten auf dem Rücken eines Elefanten in Chitwan National Park in Nepal gefolgt; sie ist auf unbefestigten Straßen in Delhi und Kathmandu (einer Stadt mit verheerender Luftverschmutzung) entlanggelaufen. Sie hat bildende Kunst, Tänze, Musik – und die eigene Identität entdeckt, im hinduistisch geprägten Ubud, dem kulturellen Zentrum Balis. Sie hat die unglaubliche Unterwasserwelt Balis erkundet, Haie und Schildkröten gesehen; sie hat Freunde im australischen Perth und Sydney getroffen, um nach Kängurus und Koalas Ausschau zu halten; sie ist in einem acht Grad kalten Gletscherfluss auf der Südinsel Neuseelands geschwommen; sie ist einen knapp 3  000 Meter hohen, Lava spuckenden Vulkan in Chile hinaufgeklettert; sie hat ihr Spanisch verbessert, während sie ein argentinisches 400-Gramm-Rindersteak verspeiste; sie hat in Uruguay die Bedeutung des Wortes „Gastfreundschaft“ verstanden. Und sie hat gemerkt, dass sich das Reisen verändert hat: „Ich war wie eine Oma unterwegs“, meint Julia schmunzelnd. Also: ohne Mobiltelefon, Laptop, Tablet oder ähnliche Technik. Warum ständig erreichbar sein? Damit war sie selbst an den exotischsten Ecken die Exotin. Sie kommunizierte mit Freunden und Familie zwar schon übers Internet – aber ganz „altmodisch“ im Internetcafé. Mit all den technischen Raffinessen unterwegs zu sein, sei auch gefährlich, denn offensichtlich Materielles weckt bei manch anderem Begehrlichkeiten…
Und das Fernweh ist längst nicht gestillt: In diesem Jahr soll es noch für zwei Wochen nach Sri Lanka gehen. Einfach hin und wieder zurück. Papua-Neuginea und Malaysia stehen auch noch auf der Wunschzielliste für irgendwann. Denn, meint Julia „je mehr man reist, desto größer wird die Welt.“

 http://juliasroundtheworldtrip.blogspot.de

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