Im Untergrund der Zoowiese

Dienstag, 18. Februar 2014

Bernd Christoph ist Grabungsarbeiter auf der Zoowiese - hier an einer letztmals vor 300 Jahren erwähnten Mauer.
Bernd Christoph ist Grabungsarbeiter auf der Zoowiese - hier an einer letztmals vor 300 Jahren erwähnten Mauer.

Von Uwe Schulz

Es sind oftmals die Zufälle, die einem Archäologen in die Hand spielen. Auf dem Areal der Zoowiese stehen Grabungsleiterin Anja Kaltofen, Referentin Rebecca Wegener und Referatsleiter Dr. Christoph Heiermann vom sächsischen Landesamt für Archäologie in einer etwa 1,50 Meter tiefen Grube. Die gibt es nur, weil hier die Anlieferungsrampe für die neuen Märkte von Aldi und Rewe entstehen sollen.

Ursprünglich waren die Rampen woanders geplant. Aber dann wären die Rundhölzer nicht gefunden worden. Im bemerkenswert feuchten Boden blieben sie unter Luftabschluss erhalten – eng nebeneinander gelegt auf Querhölzern ruhend. Davor und dahinter gibt es keine Fortsetzung. Und die Archäologen haben bislang keine wirklich zündende Idee, was diese Holzkonstruktion einmal war – ein Steg über einen Graben, eine Plattform am Rande eines Gewässers? Bis gestern Nachmittag fehlte dazu noch der Nachweis eines Gewässers. Die Bohlen mussten abgenommen werden, um darunter weiter schachten zu können.

Doch egal wie, heute ziehen die Archäologen wieder von dannen. Seit dem 20. Januar untersuchten sie die Gräben, die für die Streifenfundamente der Handelsmärkte und eben die Anlieferung im Norden des Areals gezogen wurden. Im Süden des Baugebiets waren die Bagger auf eine Grundmauer in Ziegelbauweise gestoßen. Ralf Große, Sachbearbeiter Denkmalpflege bei der Hoyerswerdaer Stadtverwaltung, kann sie einem Gebäude zuordnen. Nicht weiter spektakulär. Anja Kaltofen und Grabungsarbeiter Bernd Christoph arbeiteten sich allerdings weiter nach unten vor und entdeckten eine weitere Mauer, gefertigt aus Bruchsteinen, hartem Material, wie es bei Schwarzkollm oder Oßling heute noch abgebaut wird.

Allerdings fand sich dazu keine Hausecke. Dafür gibt es eine Karte aus dem Jahre 1710, die zwei Fischteiche zeigt und eine lange Mauer am Rand des einen. Das gefundene Stück passt ziemlich genau auf den Verlauf dieser Mauer. Wozu sie einst tatsächlich gedient hat, ist nicht sicher. Alles, was man findet, wird aber dokumentiert. Wenn dann noch das Seniorenheim in der Spremberger Straße gebaut wird, müsste die laut Karte in einem Bogen abbiegende Mauer allerdings wieder gefunden werden. In der Karte des Ingenieurs August Friedrich Döring aus dem Jahre 1786 ist allerdings weder von Fischteichen noch von der Mauer etwas zu sehen.

Das passt zu der Einschätzung der Archäologen, dass das Areal im 18. Jahrhundert aufgefüllt wurde. Der Graben, der parallel zur jetzigen Alten Berliner Straße verlief, soll freilich erst um 1910 aufgefüllt worden sein.
Die Archäologen sind mit ihrer Ausbeute in Hoyerswerda nicht unzufrieden. „Wir hatten Handlungsbedarf gesehen, uns aber entschlossen, nicht im Vorfeld zu graben, sondern die Bauarbeiten zu begleiten“, schildert Christoph Heiermann. Die Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und den Baufirmen sei hervorragend, die mit dem Stadtmuseum ebenfalls.

Freilich sind die Bodeneingriffstiefen nicht so dramatisch, die Funde keine Sensationen. Aber sie helfen, ein Stückchen der Hoyerswerdaer Siedlungsgeschichte zu verstehen. Neben den Holzbohlen fanden die Archäologen auch einige kleine Scherben. Eine ist einer Art Kasserolle aus dem 18. Jahrhundert zuzuordnen, eine andere einem Grapen, wie eine spezielle dreibeinige Form eines Küchengefäßes genannt wird. Einige davon hatten auch eine Fassung, in die ähnlich wie bei einer Pfanne ein Stock gesteckt werden konnte, um das Gefäß aus dem Feuer zu nehmen. Es könnte aus dem 16. Jahrhundert stammen, aber auch jünger sein.

Ein drittes Artefakt könnte hingegen von einem Gefäß aus dem ersten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung stammen. Aber das müssen die Untersuchungen zeigen, die in den nächsten Wochen anstehen. Immerhin sind Sachsens Archäologen auf jährlich rund 120 Grabungsstellen tätig. Was gefunden wird, muss untersucht werden. Und das dauert seine Zeit. Christoph Heiermann geht davon aus, dass die Hoyerswerdaer Ergebnisse irgendwann veröffentlicht werden.
Bei den anstehenden Großbauprojekten in der Nachbarschaft werden die Archäologen wieder ein Auge auf das werfen, was da der Boden freigibt. Etwasbeinahe wehmütige Ungewissheit bleibt da trotzdem bei Ralf Große: Wäre die Anlieferung nicht umgeplant worden, hätte man die Holzbohlen nicht gefunden. Doch was liegt dort, wo die Anlieferung einst geplant war?

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