Gut aufgelegt

Mittwoch, 26. Februar 2014

Die Hoyerswerdaerin DieJanes alias Mandy Franz bei einer Veranstaltung in Quedlinburg hinter ihrem Mischpult
Die Hoyerswerdaerin DieJanes alias Mandy Franz bei einer Veranstaltung in Quedlinburg hinter ihrem Mischpult

Von Uwe Jordan

Wie wird man DJ? Also, da weiß ich nun wirklich Bescheid. War ich ja selbst! Erst mal heißt das nicht DJ. Auch „Discjockey“ (Scheibenreiter) ist suspekt. Richtig ist „Schallplattenunterhalter“. Und der braucht, wenn er nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten will, eine „Staatliche Spielerlaubnis“. An die kommt man nach einem mehrwochenendigen Lehrgang, theoretischer und praktischer Prüfung. Mein Seminar hatte 30 Teilnehmer, alles Jungs, versteht sich. 25 fielen durch, vier bestanden „mit Auflagen“, mussten einen ordentlichen Kollegen zur Seite haben und nur in ihrem Stamm-Kulturhaus praktizieren. Warum gerade ich der Glückliche war, der beim Kreiskabinett für Kulturarbeit die noch mehr als die Moped-Flebben begehrte „Pappe“ ohne Einschränkungen bekam (nur ein jährlicher Verlängerungsstempel war notwendig), weiß ich bis heute nicht. Nun durfte ich 60:40 auflegen (hielt sich aber keiner dran!), also 60 Prozent Ost- und 40 Prozent extra erlaubter Westtitel. Für 4,50 Mark pro Stunde. Als Amateur der Stufe A. Von höheren Weihen der B, C, S oder gar dem Profi-Ausweis verbot es sich auch nur zu träumen in meinem Provinz-Kaff.

Mandy Franz ist viel zu höflich, um laut zu lachen angehörs meines selbstverliebten Exkurses 35 Jahre rückwärts. Die Hoyerswerdaerin ist DJane, genau gesagt „DieJanes“ und freiberufliche Musik-Unterhalterin. „Ich bin zum Gewerbeamt gegangen, dort haben sie mir eine Steuernummer gegeben, das war’s.“ Am 1. Mai 2010 ist sie Profi geworden, vorher hatte sie schon fünf Jahre nebenberuflich aufgelegt. Klingt beneidenswert leicht, ist’s aber nicht. Was für den Amateur, damals wie heute, ein nettes Zubrot darstellt, ist für eine DJane wie Mandy Franz Lebens-Unterhalt. Mit ihrer Tontechnik und der Musik, nicht mehr auf Schall-, sondern auf Festplatten, bestreitet sie bundesweit den klanglichen Teil von Familien- und sonstigen Feiern. Besonders oft ist sie im Seenland Bowling & Eventhouse Hoyerswerda zu hören. Dort hat sie am 13. Februar auch ihren bislang letzten Auftritt absolviert. Denn sie sieht einem freudigen Ereignis entgegen. Am 28. Februar, so sagen es die Ärzte, wird Familie Franz Zuwachs erhalten – einen kleinen DJ.

Hier wird die Geschichte von Mandy Franz doppelt spannend: Wie „organisiert“ man/frau als Freiberuflerin Mutter-Sein? Nicht nur die hölzerne „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sondern die schlichte Frage, wie man sich geldlich „über Wasser“ hält. Denn anders als Angestellte können Freiberufler nicht groß auf finanzielle Unterstützung im Mutterschaftsjahr (oder gar mehreren) rechnen. Da heißt‘s im Wesentlichen: „Hilf dir selbst“. Mögliche Zuwendungen aus Hartz IV – das ist für Mandy Franz kein Thema. Ihr Kind soll ohne Entbehrungen aufwachsen. Ergo: möglichst lange auf der Bühne stehen, möglichst rasch ins Rampenlicht zurückkehren. Wobei das „möglichst lange“ mit den Ärzten abgeklärt war: DieJanes’ Geschäft sind ja nicht hyperlaute Mega-Partys mit zwerchfellerschütternden Bässen, sondern gemäßigtere Veranstaltungen mit verträglichem Lautstärke-Pegel. Und dass Diskotheken in verräucherten Höhlen stattfinden wie meinerzeits, ist längst vorbei. Schon im Mai will sie wieder spielen: „Ich kann’s mir nicht leisten, ein Jahr «weg» zu sein. Dann sind viele Kontakte unwiederbringlich abgebrochen, Aufträge auf Dauer anderweitig vergeben, nicht mehr zu akquirieren – und ich muss ja von meiner Arbeit leben.“

Dass ihr Sohn nicht genügend Aufmerksamkeit erfahren könnte, verneint sie ganz entschieden. Sie will ihn in seinen ersten drei, vier Lebensjahren, also wenn ein Kind nach Meinung maßgeblicher Pädagogen die Mutter am meisten braucht, nicht einmal in eine Kindertagesstätte geben. „Ich arbeite ja abends; zu einer Zeit, da Kinder schlafen sollten – und tagsüber bin ich da.“ Wenn man so will, wird ihr Sohn von seiner Mama sogar mehr haben als ein Kind von „Normal-Eltern“, die den Sprössling früh um sieben in die Kinderkrippe bringen, um 18 Uhr abholen und deren Familienleben neben der Sandmannstunde vorrangig auf das Wochenende beschränkt ist. Gut; beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile. Mandy Franz hat sich nach reiflicher Erwägung für ihres entschieden. Und etwas später könnte der Kleine ja dann doch eine Gemeinschaftseinrichtung besuchen – schon wegen der sozialen Kontakte und in Vorbereitung auf seine Schulzeit.

Reiflich erwogen hat die 29-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann auch, wann der Nachwuchs das Licht der Welt erblicken soll: Jetzt. Im Winter/Frühjahr sind die Auftragsbücher nicht ganz so prall gefüllt. Da auch ihr Mann André (38) in der Gastronomie arbeitet, in der es ähnlich saisonal zugeht, haben beide den Februar für die Familienplanung gewählt. „Im Sommer, da feiern alle wie verrückt. Da wär’s eher ungünstig, gerade da nicht arbeiten zu können. Und dass nur einer Geld verdient – das können wir uns nicht leisten, wenn wir so leben wollen, wie wir es wollen und wie wir es für unser Kind einrichten möchten.“
Freilich – ohne Familie, ohne die Eltern (also die Großeltern in spé) und ohne Freunde wäre das nicht zu machen. Freiberuflerin UND Alleinerziehende: das wäre ein zu schweres Päckchen für jemand, der berechtigte Ansprüche an sein Leben und für das des Kindes hat. Andererseits soll Franz junior kein Wolkenkuckucksheim haben: „Ein Kind darf durchaus mit dem Wissen aufwachsen: «Wenn Mama und Papa nicht arbeiten gehen, gibt’s nichts zu essen.».“ Ein bisschen grob vereinfacht, aber Mandy Franz glaubt sehr zu Recht, dass es einem Kind nicht schaden kann, den Wert aller Dinge schätzen zu lernen.

So wie sie überhaupt ihre Prinzipien hat. Franz junior später in Richtung DJ-Karriere zu drängen, kommt nicht in Frage. Das war auch nicht ihre erste Wahl. Klar; Musik hat sie schon immer gemocht, ist in dieser Hinsicht ein „Siebziger-Jahre-Kind“, geprägt von Eltern, die eben nicht Schlager, sondern Sweet, Slade, T. Rex, Gary Glitter ... hörten. Aber traumtänzerisch „irgendwas mit Musik“ zu machen (wie heute manche „irgendwas mit Medien“) wäre ihr nie eingefallen. Sie hat IT-Systemkauffrau gelernt, bei der Telekom gearbeitet, nebenbei Diskotheken gestaltet. Bis sie sich entscheiden musste: „Wenn man den Job (Disko) ordentlich machen will, kann man sich das nicht leisten, nebenbei eine 40-Stunden-Woche zu arbeiten. Das hält man nicht durch.“ Sie entschied sich für die Musik, für das Mein-eigener-Chef-Sein – als sie der Überzeugung war, davon leben zu können.

Sie will nicht für die Ewigkeit am Mischpult stehen, will keine Ruth Flowers alias „Mamy Rock“ werden, die noch mit 72 Jahren die Turntables rotieren lässt. Aber das ist weit weg. Jetzt freut sie sich erst einmal auf ihren Sohn – und den Mai, wenn sie wieder auflegen kann. „Wer da eine Feier hat, kann gern schon jetzt einen Termin mit DieJanes zwecks musikalischer Gestaltung vereinbaren.“

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