„Es könnte auch ein Zeichen nach außen sein“

Dienstag, 03. Dezember 2013

Wolfgang Schmitz, hier in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter, ließ 1991 die Asylbewerber aus Hoyerswerda evakuieren. Er sah damals keine andere Chance.  Foto: Archiv
Wolfgang Schmitz, hier in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter, ließ 1991 die Asylbewerber aus Hoyerswerda evakuieren. Er sah damals keine andere Chance. Foto: Archiv

Kurz nachdem der Hoyerswerdaer Landrat Wolfgang Schmitz am 23. September 1991 die Evakuierung von 230 Asylbewerbern aus der Thomas-Müntzer-Straße angeordnet hatte, schrieb er eine Art offenen Brief an die Bevölkerung. „Die Ereignisse werden Spuren im Umgang miteinander hinterlassen und Wunden immer wieder aufreißen, die wir alle schon vergessen glaubten.“ Es waren beinahe prophetische Worte dazu, wie sieben Tage im Leben der Stadt Hoyerswerda über Jahre immer wieder Fragen, Scham, Wut und auch den Wunsch nach Vergessen wecken würden.

Folgerichtig hieß es jüngst, als sich das Netzwerk „Hoyerswerda hilft mit Herz“ zur Unterstützung der künftigen 120 Bewohner eines neuen Asylbewerber-Wohnheims gründete, von einem der Mitwirkenden auch: „Wir haben eine Verantwortung, weil man uns kennt.“

Wolfgang Schmitz sieht das wohl ähnlich. „Mein schönstes Weihnachtsgeschenk wäre, wenn Menschen, die schlimmen sozialen oder politischen Situationen entkommen sind, hier nun akzeptiert würden und ein menschenwürdiges Dasein hätten“, sagt der einstige Landrat und spätere Landtagsabgeordnete. Schmitz ist da auch ganz optimistisch. 1991, sagt er, sei die Lage so gewesen, dass die Evakuierung der attackierten Ausländer die einzige Option zur Vermeidung einer weiteren Eskalation gewesen sei: „Heute ist die Situation unkomplizierter und auch die Bevölkerung anders auf die Asylbewerber eingestellt.“ Der heute 76-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, wie damals nachts Busse in der Müntzerstraße hielten und die Flüchtlinge ausluden.

Er wohnte gleich nebenan und schüttelt noch heute den Kopf über die Umstände. Es sei zwar grundsätzlich klar gewesen, dass die nach dem Auszug von algerischen Vertragsarbeitern frei gewordenen Wohnungen im WK IX Asylsuchenden zur Verfügung stehen würden. Aber so, wie Schmitz es schildert, habe es vor deren Eintreffen aus dem zentralen Aufnahmelager in Chemnitz keinerlei Information durch die zuständigen Behörden gegeben. Heute dagegen sind sowohl Offizielle als auch Einwohner der Stadt durchaus informiert.

„Ich finde auch den Standort gar nicht so verkehrt“, sagt Hoyerswerdas letzter Landrat über die frühere Makarenko-Schule, zuletzt Albert-Schweitzer-Schule, die derzeit zum Wohnheim umgebaut wird. Es gebe, anders als damals im WK IX sowie im Vertragsarbeiter-Wohnheim an der Albert-Schweitzer-Straße schließlich nur wenige unmittelbare Nachbarn und damit durchaus weniger Konfliktpotenzial. Schließlich war es 1991 unter anderem der Lärmpegel nächtlicher Feiern, der dazu führte, dass Anwohner Applaus klatschten, als ihre Nachbarn attackiert wurden. „In keiner Nacht könne man mehr ruhig schlafen“, zitierte der Soziologe Professor Detlef Pollack in einer Untersuchung von 2001 den damaligen Ordnungsbürgermeister Klaus Naumann, der wiederum den Ärger der Alteingesessenen zitierte. An der Dillinger Straße aber schläft kaum jemand.

Schmitz rechnet also zumindest nicht damit, dass jemand Beifall klatschen würde, wenn am neuen Wohnheim Leute aufmarschieren würden, die Ausländer generell für ein Problem halten. Dass das passieren kann, hält der ehemalige Landrat nicht für unwahrscheinlich: „Meine Hoffnung ist aber, dass das keinen Widerhall in der Bevölkerung findet.“ Vermutlich würden auch einige ältere Hoyerswerdaer, die nach 1945 selbst von Flucht und Vertreibung betroffen waren, gut nachempfinden können, wie es ist, in der vorläufigen Fremde Probleme zu bekommen: „Es war ja nicht so, dass diese Flüchtlinge damals überall willkommen waren“, so Schmitz. Seine Hoffnung, sagt er, sei also Verständnis für die, die nun erwartet werden. „Es könnte ja auch ein Zeichen nach außen sein, wenn es nun nicht so wird wie vor 22 Jahren“, meint der ehemalige Landrat.

Zurück

Einen Kommentar schreiben