Den Reichtum der Vorfahren bewahren

Samstag, 14. Februar 2015

Paul Noack am Markt, an dem die Schilder zweisprachig beschriftet sind.
Paul Noack am Markt, an dem die Schilder zweisprachig beschriftet sind.

Von Andreas Kirschke

Russisch, Englisch, Lateinisch und Spanisch lernt Paul Noack in der Schule. Sprachen inspirieren und begeistern ihn. „Ein paar Brocken kann ich auch Polnisch“, meint der 15-Jährige aus Groß Neida. Seit vorigem Jahr lernt der Schüler aus der Klasse 9 A des Léon-Focault-Gymnasiums auch Sorbisch. Fleißig erwirbt er im Selbststudium die Sprache.

Sein Zimmer zu Hause ist voller Begriffe. Der Tisch ist mit „blido“, der Schrank mit „kamor“, die Blume mit „kwìtka“ und das Fenster mit „wokno“ beschriftet. Um gut zu lernen, schreibt Paul jede Vokabel sorgfältig auf. Großmutter mütterlicherseits, Erna Dutschmann, ist Sorbin. „Das stand sogar in ihrem Pass“, erzählt der Enkel. „Mit meinem verstorbenen Großvater Helmut sprach sie viel Sorbisch“. Heute redet Paul jeden Tag mit ihr Sorbisch.

Durch Neugier fand er Zugang zur Sprache. Meist verbringt er die Ferien mit Freundin Franziska Kowohl (16) aus Michalken zusammen. Doch im vorigen Jahr war er in den Osterferien drei Tage allein zu Hause. „Spontan radelte ich nach Rosenthal“, schildert Paul. „Der Ort mit seiner Wallfahrtskirche, mit Marienbrunnen und Marienwiese begeisterte mich. Vor allem die Beschriftung an den Schildern. Hier kehren sich die Sprachen mit einem Mal um. Zuerst steht das Sorbische, darunter die deutsche Übersetzung. Das imponierte mir tief.“ Auf seinem Handy lud er sich spontan das Programm „Sorbisch leicht“ des Witaj-Sprachzentrums Bautzen herunter. So lernte er erste Redewendungen. „To je moja maæ?“ sprach er nach. „To je mój nan“, lernte er weiter. Sehr praktisch anwendbar, sehr lebensnah half ihm das Programm zum Lernen. „Die sorbische Sprache ging nach Großmutter bei meinen Eltern verloren. Das finde ich sehr schade“, sagt Paul. „Ich möchte sie erhalten helfen. Diese reiche Kultur unserer Vorfahren prägt und bereichert die gesamte Region. Sorbisch ist das Aushängeschild der Lausitz, das Unverzichtbare, das Einzigartige. Deshalb lerne ich die Sprache.“

Jede freie Minute nutzt er zum Lernen. Paul übt durch ständiges Wiederholen. Er achtet auf Aussprache, Rechtschreibung und Grammatik. Seine Familie, so schildert er, hat sogar eine Hoyerswerdaer Festtagstracht. Diese stammt von Urgroßmutter mütterlicherseits, Anna Dutschmann. „Meine Mutter trägt diese Tracht jedes Jahr zum Zampern“, erzählt Paul. „Wichtig ist mir, dass wir die Tracht so originalgetreu wie möglich weiter erhalten und pflegen.“ Viel will er über Herkunft, Geschichte, Herstellung und Pflege der sorbischen Trachten noch erfahren. Paul sprüht vor Wissensdurst. Gezieltes Nachfragen liegt ihm.

Seit 2013 engagiert er sich mit im Hoyerswerdaer Jugendstadtrat. Heute ist er hier stellvertretender Vorsitzender. Den Grillplatz am Lausitzbad wollen die Jugendlichen dieses Jahr fertigstellen. Paul will sich auch für die zweisprachigen Beschriftungen in der Stadt einsetzen. Hier sieht er durchaus Reserven an öffentlichen Gebäuden. „Die Sorben gehören zur Lausitzer Kultur. Sie bereichern unser Leben und unseren Alltag“, meint der Schüler.
Im Heimatort Groß Neida leben nur 100 Einwohner. Bis auf Erna Dutschmann, Jan Nawka, Waltraud Köhler und anderen sprechen nur noch wenige Sorbisch. Das spornt Paul zusätzlich an. Zusammen mit seinem Freund Enrico Piwarz (14) aus Groß Neida radelte er bereits durch Räckelwitz, Crostwitz, Panschwitz-Kuckau, Nebelschütz und andere Orte in den Gemeinden Am Klosterwasser. Die dortige Verankerung der Sprache im Alltag imponierte ihm. „Es ist die Suche nach den Wurzeln und zugleich die Offenheit für andere Kulturen. Beides spornt mich an, Sorbisch weiter zu lernen“, unterstreicht Paul.

In seiner Freizeit tanzt er zudem leidenschaftlich gern. Seit 2011 gehörte er dem Tanzsportclub Schwarz-Gold Hoyerswerda an. Seine Freundin Franziska ist zugleich seine Tanzpartnerin. Beide wollten intensivere Förderung. So nahmen sie gezielt Privatunterricht. Heute trainieren sie jeden Freitag beim Tanzsportclub Excelsior in Dresden. Mittwochs, donnerstags und sonnabends üben sie im Bürgerhaus Bröthen. Sie tanzen gern klassisch: Langsamen Walzer, Wiener Walzer, Tango, Foxtrott und Quick Step. Mit Leidenschaft tanzen sie auch die lateinamerikanischen Tänze Paso Doble, Samba und Rumba. Zwei Mal wurden sie 2013 Sachsen-Meister in Hartha. „Das war in unserer Altersklasse Junior 2 C und in der nächsthöheren Altersklasse Jugend“, schildert Paul. Die Freude am Rhythmus, an der Musik und an der Bewegung motiviert ihn und Franziska. Es ist auch die hohe Eleganz, die Korrektheit und Sorgfalt der Bewegungen. „In Glauchau jüngst zur Landesmeisterschaft der Jugend B trug ich sogar ein kleines sorbisches Lindenblatt an meinem Anzug“, erzählt Paul stolz und unterstreicht: „Ich würde jedem ans Herz legen, Sorbisch zu lernen. Das bereichert einfach fürs Leben. Der Zugang zum Polnischen, Tschechischen, Slowakischen und Russischen wird leichter. Schon wer zwei Sprachen gut kann, kann auch in andere Sprachen leichter wechseln.“

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