Damit mehr Strom in die Leitung passt

Dienstag, 24. Dezember 2013

Die Firma 50hertz betreibt die Hochspannungsnetzte in Ostdeutschland. Die Leitung von Boxberg nach Schmölln wird derzeit erneuert. Bei Lohsa stehen bereits die Füße der neuen Masten.
Die Firma 50hertz betreibt die Hochspannungsnetzte in Ostdeutschland. Die Leitung von Boxberg nach Schmölln wird derzeit erneuert. Bei Lohsa stehen bereits die Füße der neuen Masten.

Energiewende ist ziemlich kompliziert. Und so kommt es auf unglaublich viele Details an, will man verstehen, was der Netzbetreiber 50hertz derzeit mit seiner 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung zwischen Bärwalde, also dem Kraftwerk Boxberg und dem Umspannwerk in Schmölln bei Bischofswerda anstellt. Sie läuft vorbei an Lippen, Drehna und Driewitz auch über Lohsaer Territorium. Für stolze 62,5 Millionen Euro wird die Leitung derzeit erneuert; und zwar der Energiewende wegen. Vereinfacht gesagt war es früher so: An einer Seite so einer Leitung hat ein Großkraftwerk Strom eingespeist. Am Umspannwerk wurde transformiert und gut.

Inzwischen aber gibt es links und rechts so einer Leitung auch zahlreiche kleinere Stromproduzenten – von Solarparks über Biogas-Anlagen bis hin zu Windrädern. Deren Strom drängelt jetzt zusätzlich ins Netz. Die Leitung Bärwalde-Schmölln gerät so an ihre Kapazitätsgrenzen. Bei mittlerem bis starkem Wind reicht die mögliche Übertragungsleistung nicht mehr aus und 50hertz will nicht vor der unangenehmen Pflicht stehen, einem Produzenten ein Stoppschild vor die Nase setzen zu müssen. Das geht auch gar nicht, sagt Projektleiter Martin Heumüller: „Wir sind ja verpflichtet, diskriminierungsfrei einzuspeisen.“ Also wird die bestehende, 1971 errichtete Leitung, gegen eine neue mit größerer Kapazität ausgetauscht.

Aber so stimmt das auch nicht, denn genau genommen handelt es sich nicht nur um eine Leitung. Drehstrom benötigt jeweils drei Leiter, je Phase einen. Auf der existenten Trasse bestehen wiederum die Phasen aus Bündeln zu je drei Leiterseilen – ergibt also ein System aus neun „Strippen“. Und weil an jeder Seite so eines Mastes jeweils ein System unabhängig von dem auf der anderen Mastseite Strom weiterleiten kann, sprechen wir von 18 Leitern. Der jetzt im Bau befindliche Ersatz dagegen hat vier „Drähte“ pro Phase, also summa summarum 24 Leiterseile. Sie sind zudem vom Querschnitt her stärker als der Altbestand. Betrug die Stromstärke bisher 2 520 Ampere je System, sind es künftig 3 600. „Die mögliche Stromübertragung klettert um 44 Prozent“, sagt Martin Heumüller.

Man hat also im Sommer begonnen, von Schmölln kommend neue Masten zu setzen, die die höheren Lasten tragen können. Zugleich wurde bis Milkel eines der zwei Systeme erneuert – von drei auf vier Leiterseile. Gleich beide Seiten zu modernisieren, ist aus zweierlei Gründen nicht möglich. Erstens muss eines der Systeme ja permanent den Stromfluss sichern. Zweitens aber nutzt die neue Leitung im Grunde die Trasse der alten, was wiederum bedeutet: Die neuen Masten entstehen im Durchschnitt keine zehn Meter von den alten entfernt, während letztere noch in Betrieb sind. Das ist eine ziemlich knifflige Aufgabe. So müssen Alt-Fundamente in Neugründungen integriert werden. Es macht sich auch erforderlich, alte Leitungen vorübergehend an den Traversen nach innen zu rücken.

Und das alles erfolgt nicht nur unter spannungsführenden Leitungen. Man muss auch auf das Naturschutzrecht achten, das etwa Baumfällungen in der Vegetationsperiode verbietet. In der Lausitz verlangen auch Seeadler, Rotbauchunken und Knoblauchkröten ihr Recht. Dazu kommt noch ein Ergebnis der Energiewende: Im Sommer fließt weniger Windstrom als im Winter. Also sollte man so eine nötige System-Abschaltung lieber zwischen April und Oktober bewerkstelligen. Kurz gesagt: So eine Leitungs-Erneuerung geht in Etappen voran.

In Lohsa zum Beispiel sind in den letzten Wochen zunächst die Zuwegungen für die benötigte schwere Technik geschaffen worden. Die neuen Wege werden nach Abschluss der Arbeiten in der Regel an die jeweiligen Kommunen übergeben. Außerdem wurden am Nordabschnitt der Leitung bereits die Füße der neuen Masten aufgestellt. Aber was heißt schon aufgestellt? Die Fundamente sind über Rammrohre teils bis zu 20 Meter tief in der Erde verankert. Im April soll auch in Lohsa beginnen, was weiter südlich schon zu zwei Dritteln erledigt ist: Erst werden die neuen Masten errichtet, dann eines der beiden Systeme erneuert. Als dritter Schritt folgt das zweite System.

Insgesamt hat 50hertz zwischen Bärwalde und Schmölln derzeit auf einer Länge von fast 50 Kilometern zu tun, lässt allein für die nötigen 106 Masten 4 000 Tonnen Stahl verbauen. Auch das klingt einfacher als es ist: Zu koordinieren sind das Stahlwerk, der Statiker, das Planungsbüro und schließlich der Stahlbauer. Nötig sind Absprachen mit betroffenen Kommunen, Agrargenossenschaften, Forstbehörden – und natürlich der Anwohnerschaft. Wenn 50hertz aber im Oktober fertig sein wird, kommen nur noch ab und an mal Kontrolleure gucken, ob alles in Ordnung ist – auf sehr, sehr lange Zeit. Die neue Strom-Autobahn ist auf 80 Jahre Haltbarkeit angelegt.

Hier läuft die Leitung entlang:

http://www.50hertz.com/de/file/Abb._1_noerdlicher_Abschnitt.pdf

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