Auf der Suche nach der perfekten Beere

Dienstag, 09. Juni 2015

Tobias Hoeflich ist Volontär bei der Sächsischen Zeitung und für drei Monate auch beim Hoyerswerdaer Tageblatt im Einsatz. Eine seiner ersten Geschichten hier führten den 25-Jährigen aufs Erdbeerfeld.  Foto: Gernot Menzel
Tobias Hoeflich ist Volontär bei der Sächsischen Zeitung und für drei Monate auch beim Hoyerswerdaer Tageblatt im Einsatz. Eine seiner ersten Geschichten hier führten den 25-Jährigen aufs Erdbeerfeld. Foto: Gernot Menzel

Von Tobias Hoeflich

Früh da sein nützt nichts. Schon um 9 Uhr stehen die Kunden bei Edmund Kubitz Schlange. So auch an diesem sonnigen Vormittag. Der Duft frischer Erdbeeren umweht die Nase vor dem kleinen, hölzernen Verkaufsstand auf seiner Plantage in Bröthen. Unzählige Früchtchen, die sich in Dutzenden Körbchen stapeln, warten darauf, verkauft, verspeist oder verarbeitet zu werden. Doch während die Erdbeerkasse klingelt, sind die Beete fast verwaist. Dabei dürfen Besucher die Beeren seit einer Woche selbst pflücken. Wer sich sein Körbchen vor Ort mit eigener Kraft füllt, dem gewährt Kubitz Rabatt: Das Kilo kostet dann nur 3,20 statt 4 Euro.

Ich mache den Test. Munter, motiviert und erdbeerhungrig will ich mir den Fruchtgenuss selbst erarbeiten. Zumindest etwas, denn angelegt und bepflanzt hat die Beete ja ein anderer. Gegen 50 Cent Pfandgebühr bekomme ich einen Spankorb – und kostenlos ein paar Hinweise vom Bröthener Plantagenchef. Kubitz fährt auf dem knapp ein Hektar großen Gelände schon die 42. Erdbeerernte ein, nachdem er den Betrieb in den 60er-Jahren von seinem Vater übernommen hat. Er beginnt mit der Arbeit, wenn die Sonne aufgeht – und hört auf, wenn sie wieder verschwindet. Seine Familie unterstützt ihn zwar, aber weitere Erntehelfer sind nötig. Und die zu finden, ist schwer: „Aus 100, die sich bewerben, ist vielleicht einer, der es kann“, sagt der 57-Jährige. Wer glaubt, dass die Früchte nur abgerupft werden, irrt gewaltig.

Tabu ist etwa, die Beeren mit den Fingern abzuziehen. Sonst zieren unschöne Druckstellen die filigranen Früchtchen. Nicht minder wichtig: Das Blütenblatt muss dranbleiben. „Sonst tritt dort schneller Fäulnis auf“, erklärt der Erdbeerkenner. Als ich einst im Kindesalter durch den väterlichen Garten stapfte und ein paar Früchte stibitzte, hab ich mir um so etwas keine Gedanken gemacht.

Doch jetzt will ich Kubitz freilich von meinem Talent überzeugen – auch wenn der Auftakt denkbar schlecht läuft: Mit den wenige Wochen alten und fast neu aussehenden Schuhen geht es einen teils matschigen Weg über das Gelände. Schuld ist das Bewässerungssystem, ohne das hier keine einzige Beere wachsen würde. Mist, denke ich. Nicht mitgedacht. Auch wenn die Treter, passend zu den Beeren, rot gefärbt sind, waren die Straßenschuhe sicher nicht die beste Wahl. Mit mehreren Ausfallschritten gelingt es mir, den matschigsten Stellen geschickt auszuweichen. Nun geht es ans Pflücken. Täglich öffnet Kubitz ein anderes Abteil der Plantage zum freien Ernten, damit kein Selbstpflücker vor einem abgegrasten Beet steht. Genau so kommt mir das Abteil aber vor, auf dem ich nun nach den prallsten Früchten in der prallen Sonne Ausschau halte. „Man sollte lieber ein paar Meter weiter hinter gehen“, ruft mir der Erdbeerchef im Vorbeilaufen zu. „Die meisten fangen nämlich vorne an.“

Ein paar Schritte weiter schimmert tatsächlich mehr Rot durchs Pflanzengrün. Akribisch schiebe ich Blatt für Blatt beiseite, hoffend auf den großen Fund. Doch manche Frucht ist tückisch: Schimmert sie von oben doch im herrlichsten Rot, offenbart sich beim zweiten Blick eine weiße Spitze oder ein rosafarbener Unterbau. Wie hinterhältig! Fündig werde ich dennoch und allmählich füllt sich das Körbchen.

Zu wissen, was in der Schale drin ist, fühlt sich gut an. Nicht selten mischt sich ins Erdbeerrot im Supermarkt auch etwas Weiß in Form von Schimmel. Schon oft habe ich mich geärgert, dass ich ganze Schalen kurz nach dem Kauf wegwerfen musste. Schnell wird die Selbstpflückerei aber zur Qual der Wahl: Schließlich sollen nur die besten, schönsten und mutmaßlich süßesten Beeren im eigenen Korb landen. Was dazu führt, dass ich an vielen Früchten etwas auszusetzen hab: zu klein, zu schmutzig, zu unförmig. Nach einer knappen Stunde habe ich genug. Das ständige Bücken und die prasselnde Sonne werden selbst mir mit meinen 25 Jahren langsam zu viel. Das mäßig gefüllte Körbchen bringt gut 1,5 Kilo auf die Waage. „Sieht gar nicht schlecht aus“, sagt Kubitz, der einen kritischen Blick auf meinen Korb wirft. Als Erntehelfer wäre ich nur etwas zu langsam: „In einer Stunde schaffe ich 15 bis 20 Kilo. Meine Mutter steht schon seit halb fünf hier und hat auch schon 20 Körbe voll.“

Uff, das hat gesessen. Ich bin dennoch zufrieden und gönne mir gleich ein paar Beeren als Lohn. Wie die schmecken! Da hält keine Supermarkt-Schale mit. Dennoch reift in mir die Einsicht, dass ich die Früchte lieber esse als pflücke. Ein schneller Griff nach einer Schale voller Beeren ist eben weit weniger mühselig als viele suchende Griffe nach der perfekten Beere.
Erdbeerverkauf auf der Plantage an der Hauptstraße in Bröthen/Michalken: täglich bis Ende Juli von 8 bis 19 Uhr

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