Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

29.10.2012 21:31 (Kommentare: 0)

Wo sind Steinbrücks Taler?

Straßennamen können von Großmut künden. Aber nicht immer.

Die Steinbrückstraße in Hoyerswerda ist seit gestern wieder frei befahrbar. Die Bauarbeiten sind beendet. Den meisten dürfte das Gässchen zwischen Schulstraße und Heinestraße egal sein. Für Autos gilt sowieso ein Durchfahrverbot.

Ernst Friedrich Wilhelm Steinbrück, an dessen ausgeschriebenem Vornamen jedes Straßenschild der Hebelwirkung wegen zerbrechen würde; jener Steinbrück also war Apotheker am Markt. Zu einer Zeit, als sich Altstadthandel noch lohnte. 1.000 Taler hat er im 19. Jahrhundert seiner Heimatstadt vermacht. Im Testament verfügte der sozial engagierte Steinbrück – es klingt fast wie im Märchen die Zinsen sollten auf alle Zeit den Bedürftigen zu Gute kommen.

Ihnen schwant wahrscheinlich längst, dass ich solche Fakten niemals eigenschöpferisch aufschreiben könnte. Hier half eifriges Kopieren von Hoyerswerdsche.de. Die Webseite aus gleichem Hause wie das Tageblatt ist eine Fundgrube der Stadtgeschichte und hält übrigens auch frühere Kolumnen zum Nachlesen bereit. Dort erfahren Sie, dass Steinbrücks Vermögen wahrscheinlich binnen drei Jahren durchgebracht wurde Haushaltskonsolidierung.

In Hoyerswerda gab es einige Menschen, die ihrer Stadt etwas oder in ihr Spuren hinterlassen haben: Stephan Mischkan, Gottfried Grosche, Gerhard Gundermann, Else Schulz. Einige sind vielleicht unbekannt, deshalb: Hoyerswerdsche.de! An die Bärenoma Else Schulz möchte ich erinnern. 450.000 Euro hat sie dem Zoo gespendet, weil Tiere ihr näher waren als Menschen. Das muss man wissen, um einen aktuellen Stadtratsbeschluss einzuordnen.

Vielleicht sollten Sie auch Anzeigenpreise kennen. 160 Millimeter zweispaltig im Textteil dieser Lokalzeitung kosten fast 1.000 Euro. So groß war der Text am Donnerstag über die sinnloseste Stadtratsdebatte des Jahres. Beschlussvorlage „Yados-Straße“ bei vier Enthaltungen angenommen. Nun ja, wer’s braucht.

Irritiert hat mich der „Sozialpreis“, der gestiftet werden soll. Vergleichen Sie den Betrag von Oma Else mit den jährlich 1.500 Euro, die Yados „mit dem Rathaus ausgemacht“ hat! Oder rechnen Sie mit der Investitionssumme. Bezogen auf die Baukosten sprechen wir von 0,017 Prozent „Return on Investment“ für die Heimatstadt. Das ist eine lächerliche Rendite. Warum geht es nicht wie damals? Gestiftet wird zum Schluss. Zu Lebzeiten zahlt man Steuern. Damit ist allen geholfen.

Das Kalkül ist durchsichtig: Jedes Jahr ein kleines Gerangel um das Geld veranstalten und mit einem „großen“ Scheck fürs Zeitungsfoto posieren. Else Schulz hätte sich auf diesem Wege 300 Jahre tolle Presse sichern können. Wollte sie aber nicht. Tue Gutes und schweig darüber! Yados hat jetzt nur eine Aufgabe: Die Investition inklusive der 2.800.000 Euro Fördermittel erwirtschaften und über ein Mehrfaches an Steuerzahlungen rechtfertigen. Dafür viel Erfolg!

Der Straßenname ist mir dabei so lange egal, wie’s kein Trend wird. Pieprz-Plaza für den Markt oder Haarschneider-Arena für die Lausitzhalle hätte ja durchaus Berechtigung.

 


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