Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

01.06.2013 01:00 (Kommentare: 0)

Wir brauchen einen Führer

Eine Liedinterpretation

Woran denken Sie bei der Überschrift? Reiseführer. Blindenhund passt auch. Viele werden das Ü aber wie Ö gelesen haben und dann bekommt das Wort Führer automatisch ein Oberlippenbärtchen. Dieser Reflex hat dem Seenlandfestival einen Shitstorm bei Facebook eingebracht. Weil eine Band aus Hoyerswerda das schlimme Wort verwendet, ist sie von der Wahl zur Vorband des Jahres ausgeschlossen worden. Eigentlich heißt das Lied „Führerin“. Wie bei einer Stellenanzeige sind beide Geschlechter gleichberechtigt. Der Song hätte „Führungspersönlichkeit m/w“ heißen können. Singt sich aber blöd.

Der Text enthalte nach Einschätzung der Festivalleitung „Passagen und Schlagworte, die für rechtes Gedankengut stehen“, bekamen die fünf Musiker zur Antwort, nachdem ihr Video gelöscht war. Meine Interpretation ist anders. Ich mische mal den Text von Immerhin mit „Der Führer“ von Hanns Eisler. Beide Volkslieder passen erstaunlich gut zusammen. Immerhin singt: „Wir brauchen einen Führer, wir Lämmer einer ganz bestimmten Rasse.“ Eisler schrieb aus dem Exil: „Alles könnte man verstehn, 
was das Volk in frühern Tagen 
an Gestalten schon ertragen. 
Aber ausgerechnet den?“

Musikalisch kommt der Song meiner Sammlung Kuschelrock-Schallplatten nahe. Ich halte die Gitarrenriffs, Tonlage und andere Merkmale der Darbietung für ungeeignet, sich damit zur Ausländerjagd warm zu machen. Selbst für eine Bambiverleihung ist der Song zu dürftig. Bushido musste auch erst jüdischen Mitbürgern den Garaus rappen, bevor er die Auszeichnung bekam. Es kann sein, dass die Festivalleitung einen Tipp von staatlicher Stelle bekommen hat. Ich kann mir vorstellen, dass Fachkräfte des Verfassungsschutzes Hoyerswerdaer Jugendlichen mit eindeutiger Musikschulvergangenheit besondere Aufmerksamkeit widmen.

In dem Lied gewordenen Roadmovie „Bonnie und Clyde“ stiften die Toten Hosen nicht nur zum Kfz-Diebstahl an: „Komm, wir klauen uns ein Auto, ich fahr dich damit rum.“ Ich habe mir das durchgelesen und sogar angehört. Jetzt frage ich mich, ob der „Krach der Republik“ nicht doch ein Propagandafeldzug des NSU ist: „Wir rauben ein paar Banken aus oder einen Geldtransport. Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um...“ Das Festivalverbot für Immerhin ist so absurd, dass es nur eine Erklärung gibt: Meine Kolumne letzte Woche hat das Festivalkomitee zu einem PR-Coup aufgestachelt. Das Kalkül: Wenn wir eine Band aus Hoyerswerda wegen Nazischeiß verbieten, dann kriegen wir Weltpresse und das Festival wird endlich bekannt. Im Eulenspiegel vielleicht.

 

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