Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

15.12.2012 01:50 (Kommentare: 0)

Tschechenmarkt mit Kandidierobst

Hoyerswerdas Weihnachtsexperiment ist mutig und richtig.

Ich bin gespannt. Wenn heute und morgen kein Turbotauwetter einsetzt, könnte der Winter zum Erfolg eines noch nie dagewesenen Versuchs beitragen. In Hoyerswerda ist Teschenmarkt. Ist das Weihnachtsmarkt 2.0 oder ein Etikettenschwindel für die immergleichen Sockenbuden? Finden wir es heraus! Um elf geht’s los.

Eigentlich meide ich Weihnachtsmärkte. Ich kann gar nicht genau sagen, ob es an Wolfgang Petrys Weihnachtsliedern liegt, die in einer Endlosschleife auf mich einprasseln, oder an einem Kindheitstrauma. Mich erinnert das an stundenlanges Stehen im überfüllten, ungeheizten D-Zug von Berlin bis zum Umsteigen in Leipzig. An Muttis Tränen, weil jemand ihren original Thüringer Baumschmuck zerquetschte, für den wir auf dem Berliner Weihnachtsmarkt angestanden haben – so lange, bis keine Zeit mehr war fürs Riesenrad. Der saure Apfel im klebrigen Zuckerguss. Jemand vor uns bestellte „kandidierte Äbbel“. Ob die Zunge über den Grog gestolpert war oder tatsächlich eine süße Verwechslung vorlag, kann ich nicht sagen.

Ähnliches könnte sich heute wiederholen. Ab einem gewissen Glühweinfüllstand wird aus Teschenmarkt schnell „Tschechenmarkt“. Unwissenheit droht diese Verwechslung noch zu befördern. Aber so falsch ist sie gar nicht, denn um die aparte Dame zu besuchen, müssten Sie an ihr Grab in Litomìøice (früher mal Leitmeritz) ein ganzes Stück elbaufwärts fahren. Kurz die Story, um Wissenslücken noch vor dem Glühweinbecher zu füllen: Frau von Teschen war die Vorgängerin der Gräfin Cosel im königlich-sächsischen Swinger-Club von August dem Starken. Als sie noch seine Nummer Eins war, hat er ihr Hoyerswerda überlassen, wo sie für 32 Jahre recht erfolgreich Wirtschaftsförderung betrieb.

Diese Katharina war keine ganz Große, weder Kriegerin noch Skandalnudel – kein Mythos also. In der Geschichte hat das nichts zu bedeuten, denn die, die es zu mehr Berühmtheit schafften, haben meist irgendeine Art von Verwüstung angerichtet. Die Teschen – ein Lebenslauf wie gemacht für Hoyerswerda: Verheiratet, geschieden, noch mal geheiratet und verwitwet. Ein unehelicher Sohn (mit dem König). Wie viele Hoyerswerdsche nach ihr war sie wegen der Wohnung „zugezogen“, später aber auch wieder fortgegangen.

Es heißt übrigens, ihr Geist gehe nachts mitunter im Schloss noch um. Dies nur als Warnung für all jene, die ihr einen Einkaufsklotz vors Fenster bauen wollen! So einen Bockmist hätte die kluge Frau jedenfalls nicht verzapft.

Ob die Idee aufgeht, Weihnachtsmann und Christkind in die zweite Reihe zu stellen, zu Gunsten einer sehr weltlichen Geschichte, obgleich die Reichsgräfin katholisch war? Die Idee aber ist gut, denn es steckt die Chance darin, etwas Eigenes zu gestalten. Alleinstellungsmerkmale im Advent sind schwer zu machen, erst recht, wenn du wenig Tradition vorzuweisen hast: kein Lebkuchen, kein Striezel – nicht das kleinste Räuchermännel hat seine Wurzeln in Hoyerswerda. Langweilige Sockenbuden sind dafür kein Ersatz.

Für den Start muss es eigentlich nur eins sein: etwas liebevoller als die Jahre zuvor. Neugierig bin ich jedenfalls.

 

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