Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

25.05.2013 15:57 (Kommentare: 0)

Stirb langsam, Festival!

Dem Seenlandfestival fehlt Rückenwind. Ich schenke ihm ein Marketingkonzept.

So läuft das nicht! Wenn ich auf die offizielle Webseite des Lausitzer Seenlandes gehe, werden mir Gesteinskunde Teil II und eine Kakteenausstellung als Höhepunkte präsentiert. Langweiliger geht’s nicht. Wieso steht da keine Werbung für das Seenlandfestival?

Laternenposter sind mir begegnet. Ob die bis Berlin, Prag oder Breslau reichen? Hat hinter Spohla überhaupt schon jemand mitbekommen, dass hier in sechs Wochen die Toten Hosen tosenden Krach machen? Im Internet gibt es jetzt ein Werbevideo mit der deutschen Stimme von Bruce Willis. Man kann darüber streiten, ob der alte Mann zum Thema passt. „Stirb langsam“ ist hoffentlich nicht das Motto. Bei YouTube ist das Video erst 1.800 angeklickt worden. Das ist virales Marketing mit der Ansteckungskraft einer Schutzimpfung. Selbst der Harlem-Shake der hessischen Alfred-Wegener-Gesamtschule Kirchhain ist zehn mal so oft geklickt worden - nur als Beispiel. Wer zum Tanz bittet, muss auch wissen, wie.

Hier ist eine Klarstellung wichtig. Ich gehöre zu denen, die keinen Auftrag haben. Man wird mir also Neid vorwerfen, wie den anderen Kritikern des Festivals. Dabei ist etwas im Geschäftsleben normales passiert: Der Chef der Lausitzhalle und ich konnten uns auf den Preis nicht einigen. Mit dem Schallplattenunterhalter David Guetta waren die Honorarverhandlungen leichter.

Die Frage ist eine andere. Wie bekommen wir in sechs Wochen 30.000 Fans zusammen? Erste Maßnahme: Frau Winkler vom Tourismusverband bekommt einen Aufkleber ans Cabrio: „I love Seenland-Festival“. Oberbürgermeister Skora ruft mal bei ihr an und macht ihr klar, dass die Party groß auf die Homepage gehört, auch wenn Herr Tietze von der Lausitzhalle ihr die Touristinformation Hoyerswerda nicht überlassen will. Sie glauben nicht, was alles hinter den Kulissen eine Rolle spielt.

Werbung bei Facebook ist eine genaue Sache. Allein in Finnland gibt es 109.760 bekennende Anhänger des französischen Diskothekers: „David Guetta fanit, tulee Lausitzin!“ Kommt, ihr Fans! Man kann sie für Werbung einzeln auswählen. Sogar nach Wohnort, falls wir es mit den 15.500 aus Helsinki probieren wollen. Tausend Klicks kosten 260 Euro. Wenn also nur zwei von tausend Finnen Karten bestellen, hat sich die Werbung schon gelohnt. Wenn das Konzept funktioniert, kommen die anderen dran: über zwei Millionen Guetta-Fans in Frankreich, eine Million in Tschechien und Polen. Selbst die 5.000 Briten, die sich noch an die Boomtown Rats erinnern, lassen sich über Facebook locken. Versprecht ihnen einfach Party am Wasser und Bier mit Geschmack! Das klappt. Facebook kennt natürlich auch die Freunde der Toten Hosen: 789.560 Deutsche, Schweizer und Österreicher geben in ihrem Profil diesen Musikgeschmack an. Ich wette, keine zwei Prozent wissen, dass ihre Stars hier auftreten.

Die Anzeige werde ich nicht bezahlen. Tun kann ich trotzdem etwas. Gestern haben hunderte von Menschen bei Facebook an meine Pinnwand geschrieben. An Geburtstagen ist das da so Brauch. Ich habe mir von jedem einzelnen gewünscht, einen Link auf das Festival mit ihren Freunden zu teilen. Darf ich diesen Wunsch an Sie weiter geben? www.seenland-festival.de Glück auf, Lausitz! Gib niemals auf!

 

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