Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

02.09.2012 13:36 (Kommentare: 0)

Sicher ist (nicht) sicher

Mehr Polizei kann auch ein Zeichen für fehlende Sicherheit sein.

Ab wie vielen Polizisten stellt sich ein Gefühl von Sicherheit ein? Das habe ich mich gefragt, nachdem die Menschen in unserer Gegend in einer SZ-Umfrage Folgendes mehrheitlich gesagt haben: „Wir fühlen uns eigentlich sicher, kaum jemand ist von Straftaten betroffen – aber die Polizei ist nicht ausreichend präsent!“

Wenn Sie beim Frühstück jetzt aus dem Fenster schauen, sehen Sie da eine Polizeistreife? Wirklich? Also, sollte zufällig der alte Opel Frontera der Hoyerswerdaer Polizei bei Ihnen vorbeifahren, dann haben Sie todsicher gerade die beiden Streifendienstler gesehen, die für dieses Dienstwochenende das ganz große Los gezogen haben. Die meisten werden aber nichts sehen. Keine Polizei. Und? Ducken Sie sich jetzt weg hinter dem Fenster? Wir leben in einer brutal friedlichen Gegend.

Stellen wir uns einen Moment eine andere Situation vor: In der Straße vor dem Haus patrouilliert den ganzen Vormittag die Polizei. Würde Ihnen diese Präsenz ein Gefühl von Sicherheit geben – oder würden Sie nicht eher anfangen zu fragen: „Ist da etwas passiert? Muss ich mir Sorgen machen?“ – Es gibt Länder, in denen ist es üblich, Privat-Anwesen durch bewaffnete Wachleute zu schützen. Vielleicht war jemand im Urlaub in Lateinamerika und kann davon berichten. Klar klaut Ihnen dort niemand mehr das Fahrrad aus dem Keller. Allerdings kann man es auch kaum benutzen. Schon gar nicht nachts allein auf der Straße.

Das Tageblatt hat es ganz richtig beschrieben: Sicherheit ist ein Gefühl. Es verändert sich stärker durch die Häufigkeit, mit der Sie „Lenßen und Partner“ sehen, als durch die Ereignisse im eigenen Postleitzahlbezirk. Alles bekommt jedoch schlagartig eine andere Dimension, wenn jemand selbst zum Opfer von Kriminellen geworden ist. Sie können sich dann nicht mit der Statistik beruhigen, nach der selbst im Grenzgebiet viel mehr Häuser ohne Einbruch bleiben als jene, in die gleich drei-, viermal eingestiegen wird. Diese Form der Kriminalität ist noch (fast) harmlos.

Ein Leserbrief hat mich dieser Tage erschreckt: „Die Menschen sollen den Mann zum Teufel jagen, damit es kein nächstes Opfer gibt“, forderte ein Leser aus Hoyerswerda. Halbendorf muss gerade einen Knastrückkehrer verkraften – und die Tatsache, dass sich solche Neuigkeiten viel schneller verbreiten als früher. Die Polizei hatte zuvor vor Selbstjustiz gewarnt. Sollte der Teufel immer noch keine irdische Adresse haben, ist das streng genommen ein Mordaufruf. Die im gleichen Schreiben geforderten härteren Gesetze sähen dafür bestimmt eine Menge Gefängnisjahre vor, nach deren Absitzen man dann den Rollentausch erleben und neu nachdenken könnte.

Das Leben ist Unsicherheit. Daran wird keine Polizei und kein Gesetz etwas ändern. Erst vor Kurzem stand zu lesen, dass eine Mehrheit der Sachsen permanenter Kennzeichenüberwachung auf Autobahnen zustimmen würde. Man könne so PKW-Diebstähle schneller aufklären. Interessant. Stimmen dieselben Menschen auch mehr Geschwindigkeitskontrollen zu? Womöglich ein Mal im Jahr zum Schulanfang. Natürlich.

 

Kommentieren

Zurück

Einen Kommentar schreiben