Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

21.04.2012 10:00 (Kommentare: 0)

Raubkopierer vor Gericht

Das Urteil gegen Kopiergeldkassierer weiter gedacht.

Bekommen Raubkopierer nicht mindestens fünf Jahre? Das sagen die doch im Kino immer. Ich könnte wetten, dieser Gag machte in dieser Woche schon die Runde in Lehrerzimmern. Das sächsische Oberverwaltungsgericht hat der räuberischen Erpressung von Kopiergeld einen Riegel vorgeschoben.

Königswartha dürfte es sich mit allen Bürgermeistern und Landräten verscherzt haben, denn nicht etwa die unerschrockene Mutter war es, die den Stein ins Rollen brachte, sondern die Gemeinde. Sie wollte 35 Euro nicht gezahltes Kopiergeld einklagen, und nun bekommen alle die Quittung.

Falls Sie Diskussionsstoff für die Familienfeier am Wochenende suchen, werfen Sie den Begriff "Kopiergeld" in die Runde! Erziehungsberechtigte springen sofort an. Sollten Lehrer unter den Verwandten sein, wird's noch lustiger. Provozieren Sie ganz locker mit dem Satz: "Du kassierst doch auch Kopiergeld!" Wetten, dass Sie damit auf jeder Silberhochzeit eine Tortenschlacht anzetteln können? Kopiergeld ist der Aufreger der Woche. Für so was hatten wir beim Radio eine extra Rubrik.

Ist "Kopiergeld" nicht sogar logisch falsch? Es müsste doch "Kopiengeld" heißen! Denn es geht nicht um die Vorlage für Fälscher, also "Kopiergeld", sondern um den Preis für das Arbeitsergebnis eines Xerox: "Kopiengeld". Ja, darüber lässt sich streiten, besonders mit Lehrkörpern für Deutsch. Genau wie das Gerichtsurteil geht es dann am eigentlichen Problem vorbei.

Warum schleppen unsere Kinder immer mehr kopierte Arbeitsblätter heim? Hetzen Sie ruhig weiter, wenn Sie zum Abendessen nachlegen: "Ihr seid doch nur zu faul, an die Tafel zu schreiben!" Der sitzt. Verlassen Sie sich drauf! Eine Mischung aus Bequemlichkeit und Ideenlosigkeit beobachte ich als Elternteil durchaus.

Schon wird der Ruf nach kostenlosen Taschenrechnern laut. Wie geht das weiter? Steht der Tintenverbrauch des Pelikans nicht auch in einer Kausalkette mit dem Lehrplan? Beschäftigen sich die Gerichte bald mit gerechten Eigenanteilen für Schnellhefter? Schließlich kriegen Finanzbeamte die Hängeregister auch vom Staat! Warum also werden Kinder benachteiligt?

Zu einer Zeit, als Schulen samstags geöffnet hatten - wir nannten den Tag noch Sonnabend - mussten unsere Eltern von der Fibel bis zum Tafelwerk alles bezahlen. Es sei denn, man war kinderreich. Auch den Rechenschieber besorgten wir auf eigene Kosten. Das war dumm, denn der eignete sich besser zum Fechten als zum Rechnen. Drei bis vier Stück pro Schuljahr waren deshalb fällig.

Wir sollten mehr über Lerninhalte als über Lernmittel diskutieren. Ich muss an letztes Schuljahr Geografie denken. Hausaufgabe "Braunkohle und Tertiär", natürlich mit Arbeitsblatt. Kein Wort davon, dass diese Phase ein paar Spurenelemente in der Lausitz hinterlassen hat. Im kostenlosen Schulbuch illustriert ein Foto von GarzweilerII den Tagebau. Irre: Die Schule direkt überm Flöz- und das Kind erfährt es nicht! Zu Himmelfahrt sind wir zum Tagebau Welzow Süd geradelt. 19 Kilometer hin, 19 zurück. Macht bei 30 Cent genau 22,80 Euro Kilometergeld für uns zwei. Die klage ich hiermit ein!

 

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