Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

16.02.2013 19:09 (Kommentare: 0)

Psychounlogisches

Nach der Schließung der psychiatrischen Tagesklinik

Zum heutigen Thema empfehle ich vertiefende Literatur: „Irre! Wir behandeln die falschen“. Psychiater Manfred Lütz schildert in seinem Buch, warum die „Normalen“ unser Problem sind und nicht die Bekloppten. Er denkt auch über Fasching nach: „Es gibt Leute, die behaupten, Rheinländer seien nur in der so genannten fünften Jahreszeit, im Karneval, sie selbst. Den Rest des Jahres würden sie sich bloß verstellen und als normal verkleiden.“ Die These ist auch für unsere Gegend interessant.

Welcher Narr hat zu verantworten, dass Menschen mit psychischen Problemen in Weißwasser und Hoyerswerda just in der alkoholisch vergorenen Faschingsphase des Jahres im Stich gelassen werden? Psychiatrische Tageskliniken aus Personalmangel geschlossen. Wenn ich die verschiedenen Berichte der letzten Wochen richtig verstehe, dann arbeiten Drogendealer in dieser Gegend zuverlässiger als das ambulante Netz psychiatrischer Betreuung. Man kommt leichter an eine Portion Crystal als an das Rezept für legale Stimmungsaufheller.

Die Offene ist geschlossen. In der Zeitung steht: „Das kam überraschend“ und wir glauben das, weil wir das Thema meiden. Die Nachbarn werden sogar gefeiert haben. Neu war für mich, dass beiden Häusern qualifizierte Ärzte fehlen. Die fehlen aber schon seit mindestens drei Jahren. Was unqualifizierte Ärzte machen, darüber mag ich nicht nachdenken. Das ist schon irre, oder? Da kloppen sich Ärzte vor Gericht über die Frage, wie viele echte Doktoren in einer Tagesklinik gebraucht werden und niemand kommt auf die Idee, folgende Frage zu beantworten: Was müssen wir zum Wohl der Patienten tun, um auch am Aschermittwoch 2013 rückfälligen Alkoholikern beizustehen? Oder, damit die Bandbreite klar ist, Afghanistansoldaten und Lokführern mit PTBS - posttraumatischer Belastungsstörung. Was soll daran übrigens gestört sein, wenn mir furchtbare Erlebnisse, im Felde wie im Gleise, zu schaffen machen? Wie kommen wir darauf, dass unsere Psyche stabiler sein müsste als eine Bandscheibe oder die Galle? Für die sind noch Ärzte da! Dass alle drei zusammen hängen..., ich schweife ab. Wen solche Fragen umtreiben, dem kann ich Dr. Lütz nur empfehlen.

Zurück zur zwanghaften Veränderung der psychiatrischen Betreuung. Unser Gesundheitssystem lässt insgesamt vermuten, dass im Hintergrund ein bürokratischer Eid geschworen wurde. Dieser Umstand frisst den hippokratischen Bruder langsam auf, wie ein Hirntumor den Frohsinn. „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.“ Jetzt wird es richtig bescheuert. Die nächste Klinik ist das Fachkrankenhaus Großschweidnitz bei Löbau. Purer Blödsinn, um im Bild zu bleiben, ist die Annahme, Weißwasser sei weiter davon entfernt als Hoyerswerda. Das stimmt weder in Kilometern noch in Fahrzeit. Mit Bus oder Bahn, dem hoffentlich bevorzugten Verkehrsmittel der Dementen und Süchtigen, brauchen Sie von Hoyerswerda zweieinhalb Stunden, von Weißwasser 90 Minuten. Zeit genug ein Buch zu lesen, wie die heitere Seelenkunde „Irre, wir behandeln die Falschen“. Im Untertitel: „Unser Problem sind die Normalen“. O ja!

 

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