Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

09.03.2013 13:30 (Kommentare: 0)

Nariz del Diablo

Des Teufels Nase und der richtige Riecher für das Lausitzer Seenland.

Falls Ihnen schon die Überschrift spanisch vorkommt, mir geht das mit ganzen Zeitungstexten so. Eigentlich wollte ich hier das "Erfolgsmodell" zur Sportförderung in Hoyerswerda auseinandernehmen. Da warte ich mal ab, ob statt der Behauptung noch Fakten kommen. Lassen wir die Sportfamilie in dem Glauben! Und wer weiß, mit wem ich mich da einlasse? Widmen wir uns lieber dem Teufel! Nariz del Diablo ist spanisch und heißt "Teufelsnase". Die kam mir in den Sinn, als ich über den Touristentransport ins Lausitzer Seenland nachgedacht habe. Folgen Sie mir auf eine Reise ans andere Ende der Welt! Wir sind hoch in den Kordilleren Südamerikas am Äquator, wo nachts sowohl Nordstern als auch Kreuz des Südens am Himmel leuchten. Es ist Prospektsammlermesse ITB. Da darf man träumen. Gleich!

Henry Nitzsche ist ein Mann, der oft verteufelt wurde. Er ist ein politischer Einzelgänger, der es versteht, Volkes Stimme nachzuahmen und dafür bei Wahlen selbige zu bekommen. Unter den bunten Papageien des Amazonas wäre er der Braunkopfsittich. Hat dieser Henry Nitzsche die Seenland-Bahn erfunden? Nein! Ein anderer? Nein! Damit der Unfug aufhört: Ich habe sie erfunden - genau wie die Glühbirne und das Rad. Es war 2004 an der Teufelsnase. Das ist eine bei Eisenbahnfans aus aller Welt beliebte Kurve. Eigentlich ist es gar keine Kurve, denn der historische Zug von Riobamba, Ecuador, klettert auf seinem Weg Richtung Pazifik im Zickzack durch die Anden. Atemberaubend! Er fährt überhaupt nur noch für Touristen, die erleben wollen, wie der Lokführer an der engsten Stelle zweimal abspringt, die Weichen umlegt und in einer Rangierfahrt um den Berg schleicht. Es waren übrigens deutsche Ingenieure, die vor über hundert Jahren auf die pfiffige Idee kamen, das Geld für eine abenteuerliche Brücke zu sparen und stattdessen den Rückwärtsgang der Lok zu bemühen. Heute würden sie dafür einen Tunnel durchs Zentralmassiv graben. Koste es, was es wolle!

Damals an der Teufelsnase - der Berg heißt so, weil er aussieht wie ein riesiger Zinken, und das kam mir gleich so vertraut vor - also dort habe ich mir so die Nase von innen gekratzt und gedacht: "Das ist es!" Statt einer Kurve, wo immer sie fehlt, machen wir einfach die Spitzkehre, damit die Seenlandbahn von Dresden nach Kamenz und weiter nach Hoyerswerda kommt. Ob die Lok vorne oder hinten fährt, ist doch Wurst! Nun ist die Arnsdorfer Kurve näher am Wohlstandsäquator A4 und längst gebaut worden. Bis an den See fährt die Bahn dennoch nicht, weil - Sie ahnen es - noch eine Kurve fehlt. Vielleicht organisieren wir eine Dienstreise mit Politikern nach Ecuador, um zu erkunden, wie einfach Lösungen selbst in schwierigstem Gelände sein können. Ich mache gern den Reiseleiter.

Übrigens: Zur vorvorigen Jahrhundertwende hat es keine zehn Jahre gedauert, die unwegsamen Anden per Bahn zu erschließen. Von der Planung bis zur Eröffnung - trotz Erdrutschen! So gesehen hatten die also die gleichen Schwierigkeiten wie die LMBV. Hinsichtlich des Bahn- und Straßenverkehrs ist dagegen vieles einfacher, flach wie es hier ist. Man könnte vor Wut ausbrechen wie ein Vulkan! Wir schicken Werbemanager zur ITB, aber müssen interessierten Reisejournalisten erklären, dass sie nach Hoyerswerda in Priestewitz und Ruhland umsteigen müssen! Hat vor zehn Jahren überhaupt jemand an den Erfolg dieses Experiments geglaubt oder warum wurden keine Weichen gestellt? Wenn Bundes- und Landesregierung nicht bald darüber sprechen, wie Menschen halbwegs bequem ins Lausitzer Seenland fahren sollen, dann wird das hier der teuerste Arsch der Welt.

An der Teufelsnase in Südamerika ist 2013 übrigens Wiedereröffnung nach umfangreichen Sanierungsarbeiten - zum Erhalt der Touristenattraktion.

 

 

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