Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

12.05.2012 15:00 (Kommentare: 0)

Lieber Rennsteig als Treppenlift

Gutsmuths hat's vorgemacht: Es geht auch ohne Pflegestufe.

Die Alten beeindrucken mich am meisten. In Thüringen wird heute zum 40. Mal der Rennsteiglauf gestartet. Die Veteranen verdienen den größten Respekt. Mit 70 oder 80 einen Marathon laufen, können Sie sich das vorstellen? Oder gar den Supermarathon - 72 Kilometer von Eisenach hoch bis Oberhof und rüber nach Schmiedefeld. Wanderer nehmen sich dafür zwei Wochen Urlaub.

Anders die echten Rennsteigläufer: Der Christmann Willi aus Hettstedt zum Beispiel hat in der Altersgruppe der über 75-Jährigen letztes Jahr gewonnen. Mit seinen zehneinhalb Stunden hat er noch 150 jüngere Läufer hinter sich gelassen. Jahrgang 1935, großartig! Viel Erfolg für dieses Jahr! Das wünsche ich auch den vielen Lausitzer Lauffreunden, für die Herbert Roths "Weg auf den Höh'n" jedes Jahr fest im Kalender steht. Der Rennsteig passt ganz sicher in die schöne TAGEBLATT-Serie der beliebtesten Laufstrecken.

Die sind doch verrückt!" Haben Sie das gerade laut gedacht? Sie haben Recht! Ich finde Marathonlaufen auch verrückt. Aber wie herrlich muss es sein, mit 77 Jahren noch verrückte Dinge zu machen wie ein Teenager? Wohl dem, der das noch kann! Die Frage, wie viele Teenager sich weiter als 400 Meter schleppen können, hätte den Namensgeber des Rennsteiglaufes beschäftigt.

Johann Christoph Friedrich Gutsmuths (schon der Name ist ein Marathon) hat sich den Rennsteiglauf zwar nicht ausgedacht, nach ihm benannt ist er trotzdem. Fragt man das unbändige Onlinelexikon Wikipedia, stößt man auf so lustige Buchtitel wie "Mechanische Nebenbeschäftigungen für Jünglinge und Männer". Was er damit wohl gemeint hat? Am Beginn des 19. Jahrhunderts, lange vor Turnvater Jahn, trat der Pädagoge für eine sportliche Erziehung der Jugend ein.

Mir geht es ums Älterwerden. "Der Boom mit den Alten" war eine Überschrift im TAGEBLATT. Die Stichworte sind dann Tagespflege, Pflegeheim, Pflegepersonal, Bettenkapazität… Ziemlich morbide Aussichten. Verstehen Sie mich nicht falsch. Diese Häuser haben ihre Berechtigung und wir brauchen anscheinend wirklich mehr davon. "Vollstationäre Seniorenanlage" klingt für mich allerdings abschreckend genug, um alles zu tun, dort hoffentlich nie zu landen.

Sie ahnen längst, was ich gerade treibe, während sich der Geruch Ihrer Zeitung mit dem Duft von frischen Brötchen und Kaffee mischt. Genau. Was ich mir dieses Jahr für den Rennsteig-Marathon vorgenommen habe? Den Lauf genießen, Freunde treffen und Spaß an der ganz besonderen Atmosphäre haben. Natürlich gehören Thüringer Klöße und Rouladen zu so einem Wochenende. Die schmecken noch mal so gut, wenn man sie auch abarbeitet.

Die Gutsmuthsläufer auf dem Rennsteig kennen offenbar das Geheimnis, wie man um Rollator und Treppenlift herumkommt und stattdessen bis weit ins Rentenalter hinein über den Kammweg joggt. Die beste Pflegeversicherung ist immer noch, den eigenen Hintern aus dem Sessel zu heben. Den Lauftreffs in der Region kann man sich jederzeit anschließen. Das Fahrrad im Keller ist schnell entstaubt. Und die Schwimmhalle öffnet schon vor dem Frühstück.

 

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