Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

23.06.2012 17:38 (Kommentare: 0)

Kulturvoller Abriss

Wo niemand mehr klingeln kann.

Hoyerswerda hat Komplexe. Das war so ziemlich das Erste, was ich vor gut 25 Jahren über die Stadt gelernt habe. Bald wird es einen weniger geben. Aber sicher nennen die Hoyerswerd'schen ihren WK X auch dann noch so, wenn lediglich Wiese vom Wohnkomplex übrig ist.

In den Sommerferien (wo bleiben die eigentlich dieses Jahr?), also Mitte Juli wird die letzte Errungenschaft des Wohnungsbauprogramms der DDR kulturvoll verabschiedet. "Auszeit - Nachdenken über H." heißt das Projekt der KulturFabrik. Besser bekannt als KuFa, der einzige Jugendklub, in dem das Durchschnittsalter 44,5 Jahre beträgt. Aber es gibt mehr als die dauerhaft pubertären Prohibitionspartys für das Gefühl, wenigstens ein Mal im Leben etwas Verbotenes getan zu haben.

Im Juli und August steht ein Abrisshaus im Mittelpunkt der Stadtkultur. Ein Würfelhaus im zehnten Quartier soll zur Denkfabrik, zu einem Ideenlabor auf Zeit, werden. An Unterstützung durch die Lokalpresse mangelt es nicht. Eine ganze Seite bekommen sonst nur der Dorfrundgang, die Seenlandmesse oder das Oldtimertreffen. Die Themenseiten des Hoyerswerdaer TAGEBLATTes sind übrigens eine Stärke dieser Lokalzeitung. Das trauen sich die meisten Redaktionen nur bei Kriegsausbruch oder EM-Ausscheiden.

Es lohnt sich, über Hoyerswerda nachzudenken und ganz speziell über die Brache zwischen Bowlingcenter und Königreichsaal der Zeugen Jehovas. Wo wollen die in Zukunft eigentlich klingeln, wenn das so weiter geht? Sie sehen; niemand kann sich aus dieser Diskussion heraushalten! Trotzdem weiß ich nicht recht, ob ich mich daran beteiligen soll. Gehöre ich doch zu denen, die der Platte beizeiten den Rücken gekehrt haben. Wie kann man als Weggezogener kluge Ratschläge geben, was mit dem Rest von Hoywoy zu geschehen hätte? Ersatzpflanzung für die Krokuswiese fiele mir noch ein. Aber das kann die Zukunft des WK X ebenso wenig sein wie ein Sonderparkplatz für Handballfans des LHV.

Ein Solarpark ist geplant. Das ist offenbar eine zeitgemäße Nachnutzung für von Sowjetarmee oder volkseigener Metallurgie verseuchte Flächen. Besonders innovativ mutet es aber nicht an, wenn Hoyerswerda nun auch die Sonnenwende versucht. Zumal sich der ökonomische Nutzen von Photovoltaik so langsam, dem Wirkungsgrad nach, Sonnenuntergang annähert. Wollen wir wirklich erneut die Folgen von Planwirtschaft ausbaden? An gleicher Stelle zudem?

Es muss etwas Anderes geben. Etwas, das wir bislang übersehen. Etwas, wofür uns die Phantasie noch fehlt. Etwas, worum uns andere Städte beneiden werden. Etwas, das Busladungen von Bürgermeistern hierher treibt - zum Staunen und Abkupfern. Ich habe wirklich keine Ahnung, was das sein wird. Entdeckt wird es jedenfalls nur dort, wo Denkverbote aufgehoben und gewohnte Pfade bewusst verlassen werden.

Dafür sind solche Initiativen wie die "Auszeit" gut. Deshalb bin ich gespannt, was bei der KuFa-Aktion heraus kommt. Einen Spruch können die Initiatoren schon mal auf Bettlaken pinseln und aus dem Fenster hängen: "Zweifler müssen draußen bleiben!" Auf das Thema kommen wir zurück. Bestimmt.


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