Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

26.01.2013 11:00 (Kommentare: 0)

Kaffeesatzleserei

Zum Kaffee werde ich Ihnen heute aus dem Zeitungssatz lesen.

Fast hätte ich es übersehen: Die Sächsische Zeitung sieht seit Mittwoch anders aus. Anstatt sechs Spalten sind es nur noch fünf. Vormals rote Rubriken sind grau. Das Sächsisch-Grün ist fast völlig verschwunden. Sie finden sicher mehr als sieben Unterschiede. Glauben Sie nicht, das sei unwichtig. Als die andere SZ, also die Süddeutsche Zeitung, letzten Sommer ihren Frack entstaubte, da war das allen großen Brüdern und Schwestern eine Meldung wert. Ihr Chefredakteur Kurt Kister schrieb seinen Lesern: „Eine Veränderung des Erscheinungsbildes ist riskant, denn für viele Leser gibt es nichts Schlimmeres als das Gefühl, die Zeitung sei nicht mehr das, was sie früher war.“ Letztes Wochenende war bei uns hier das Kreuzworträtsel plötzlich woanders. Ein Schock!

Dezentere Farben sollen mehr „Ruhe beim Lesen“ bringen, heißt es. Ausgerechnet zur Faschingszeit! Da haben die in Dresden nicht mit den zampernden Glücksbärchis gerechnet. Aber gut, das Foto mit Neuwieser Männern in grellbunten Stramplern und Plüschohren war am Montag im Lokalteil. Vielleicht war das der Anlass, die Augen der Leser fortan besser zu schützen. Beim Radio habe ich mehrere Format-Änderungen durchgemacht. Daher weiß ich, wie sehr Geschmacksfragen eine Redaktion aufmischen können. Wir haben mal ein langweiliges Wettergespräch um 6.40 Uhr abgeschafft. Da war was los am Hörertelefon! Da fällt mir auf: Der Wettertext auf der ersten Seite unten fehlt! Habt ihr euch das richtig überlegt? Die Temperatur, obwohl nun gerade im Keller, steht oben rechts. Dazu ein Wölkchen oder die liebe Sonne – je nachdem. Bei Ausgrabungen in fünftausend Jahren werden Archäologen sowieso feststellen, dass die Menschheit das Lesen Stück für Stück wieder verlernt hat. Dann Sprechen und Laufen. Wobei die Reihenfolge noch nicht sicher ist.

Mitunter würde ein Bild in der Zeitung wirklich reichen und Text besser ungeschrieben bleiben. Mich interessiert nicht, wann ein Prinzenpaar im Türkei-Urlaub war, wie oft sie dort ... angerufen worden sind und ob sie das „Geheimnis“ ihrer bevorstehenden Wahl für sich behalten konnten. In Wittichenau! Da trinkst du abends vor der Glotze kein Hasseröder, ohne dass das zu den Glaabs durchsickert. Aber wenigstens ist dieser Prinz harmlos. In England feiern sie gerade einen, weil er in Afghanistan Menschen tötet. Das stand auch in einer dieser breiteren Spalten diese Woche. Haben die ’n Harry, die Briten?

Als es noch sechs Spalten waren, am Dienstag, hat mich die durchgezogene Linie beeindruckt. Das war kein Gestaltungselement, sondern die unerhörte Geschichte eines drogensüchtigen Bankers im Lokalteil. In Frankfurt am Main mag man sich vorstellen, wie gleichermaßen Karriere- und Amphetaminabhängige mit ihren Kreditkarten Körner der Droge Crystal zerhacken, sich eine Spur davon auf dem Glastisch zurechtmachen und hochziehen. Aber hier? Womöglich in der Volksbank nebenan? Texte wie der von Tobias Wolf und Uwe Schulz sind Höhepunkte des Lokaljournalismus. Sie zeigen, was eine Zeitung wertvoll macht. Die Sätze machen den Schriftsatz erst interessant.

Für 1 Euro 20 bekommen Sie gerade noch ein Stück Eierschecke beim Bäcker oder eben die Seifenoper zum Krokusquartier. Zoo-Aldi? Rewe-Wiese? Ich seh‘ da nicht mehr durch, schalte (mich) aber gerne wieder ein.

 


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