Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

24.11.2012 10:00 (Kommentare: 0)

Hoyerswerda schafft sich ab

Eine traurige Wahrheit zwischen den Sonntagen

Wir abendländischen Jammerlappen, wir lebensuntüchtigen Deppen! Ausgerechnet in die trübste Zeit des Jahres packen wir gleich zwei mordsmäßig traurige Sonntage. Die „stillen Sonntage“ sind nichts anderes als verordnetes Trübsalblasen bei Finsternis, Novemberregen und einem letzten verbliebenen Plusgrad auf dem Thermometer. Kirche und Staat wollen das so oder hatten vor Weihnachten nichts anderes mehr frei im Kalender.

Nichts gegen Volkstrauertag und Totensonntag, aber ich geh’ den Opa weitaus lieber besuchen wenn die Sonne scheint, Vögel zwitschern und die Gießkanne der Friedhofsgärtnerei ihre Berechtigung findet. Es fällt mir dann leichter, daran zu denken, wie wir das rostige Fahrrad aufgemöbelt haben oder auf der Hollywood-Schaukel über Gott und die Welt geredet haben. Obwohl es bei Opa mehr Marx und die Welt waren.

Wieso gab es in der DDR eigentlich Hollywood-Schaukeln? Hätten es nicht Babelsberg-Schaukeln sein müssen? Nein, ich möchte nicht abschweifen. Aber vielleicht tut ein Kalauer ganz gut, bevor ich die Todesnachricht überbringe. Ich muss nur Opa schnell noch etwas sagen.

Opa, ich habe es dir noch nicht gebeichtet. Als diese blöde Urne auf dem Tisch in der Kapelle stand, konnte ich nicht traurig sein. Ist es das, was übrig bleibt, wenn der Krebs stärker war als der Mensch? Ich fürchte, dass ich damals aus Versehen gebetet habe. Ich habe um ein Zeichen gebeten, wollte wissen, dass du da bist. Das Krachen von dem Blitzeinschlag werde ich nie vergessen. Seitdem denke ich etwas anders über Gott. Du jetzt bestimmt auch. Logisch, ihr seht euch ja nun öfter.

Ich kann dir sagen, aus Hoyerswerda kommen bald ganz viele nach. Weißt du noch, die Stadt, die deine Genossen stolz in unsere Heimatkundebücher gedruckt haben - die mit den großen Kinderwagen, in denen die Kleinen gleich im Sechserpack gelüftet wurden. Diese Stadt wird es so bald nicht mehr geben. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass sich niemand traut, über das Sterben zu sprechen.

Sie müssen so zwischen 75 und 80 Jahre alt sein, die dem Ruf der Kohle damals folgten. Knapp drunter oder knapp drüber. Ihr Schweiß ist einst im Kraftwerk mit verheizt worden oder ging als Stadtgas bis zu Opa nach Stendal oder zu uns nach Hause in Rudolstadt. Jetzt werden sie bald selbst verbrannt. Asche zu Asche. Kohle zu Staub oder so.

Seit 2008, das zeigt ein Blick in den Demografiemonitor Sachsen im Internet, sinkt die Zahl der über 65-jährigen in Hoyerswerda. Der demografische Wandel, das angebliche Älterwerden, findet hier nicht statt. Mit etwas Nachdenken kommt man drauf warum. In den 50er Jahren waren diese Menschen 30 und folgten dem Ruf der Kohle oder der Zulage oder dem Bergmannsfusel. Nach 1990 gingen sie in den frühen Ruhestand, halfen später ihren Kindern beim Beladen der Möbelwagen und nun – es sind noch sehr viele - verstopfen sie die Gänge im Globus. Aber nicht mehr lange.

Das ist die Wahrheit, die hier niemand ausspricht. Die Aufbaugeneration von Hoyerswerda Neustadt stirbt unaufhaltsam. Wohnungsgesellschaften, VBH, selbst der Globus müssen mit dem Verlust dieser Kunden rechnen. Aber wer rechnet schon mit dem Tod? An der Zeit ist es trotzdem. Vielleicht kommen wir so auf andere Gedanken, als Pflegeheime zu bauen.

 


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