Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

23.03.2013 13:38 (Kommentare: 0)

Frühlosophische Ausrutscher

Frühling, Handball, Wahrheit und wie sie beieinander liegen.

In der 9. Klasse lesen sie wieder mehr Zeitung. Andere lernen dafür Facebook. Die einen begreifen im Schulprojekt, dass Umblättern beinahe alles an Interaktion ist, was die alten Medien eingebaut haben. Die anderen wissen nicht recht, ob sie sich dem "Gefällt mir" im Internet anschließen können. Es gibt auch Gemeinsamkeiten. In den sozialen und - im Umkehrschluss - asozialen Medien bewegen dieselben Themen die Menschen. Der Frühling leistet sich einen Jahrhundertausrutscher. Ein Facebook-Freund aus Zypern schreibt, dort hätten sie ihn schon. Auf Pump oder bezahlt? Ein anderer teilt die Karikatur eines Schneemanns, der mit seinem eigenen Besen erstochen wurde. Dieser Frühling ist etwas für Spaßvögel.

Der Frühling lässt mich aber auch philosophieren. Er ist mein frühlosophisches Beispiel für etwas, das wir leichtfertig Wahrheit nennen. Dieser Frühling beweist, dass eine die Wahrheit betreffende Annahme falsch ist: Sie läge irgendwo in der Mitte. Probieren wir es mit dieser Aussage: Zum Frühlingsanfang gab es Neuschnee. Selbst wenn ich behaupte, es sei ungewöhnlich heiß und trocken gewesen, werden daraus keine 18 Grad mehr. Oder nehmen Sie ein Handballspiel! Eines, das Ihre Lieblingsmannschaft mit 21:20 gewonnen hat. Wenn jetzt jemand daherkommt und die Fakten verdreht, wird daraus noch lange kein Unentschieden, auch kein Auswärtssieg für Freiberg - glücklicherweise. Die Wahrheit ist niemals das arithmetische Mittel aus zwei Aussagen.

Auch TAGEBLATT-Redakteur Mirko Kolodziej weiß das. Wenn er neulich seine eigenen LHV-Recherchen so kommentierte, dann wohl aus der Verzweiflung, nur wenig erfahren zu haben. Dabei ging es nicht um Handballergebnisse, sondern um Vereinsführung. Ganz heißes Eisen! Nun fühlen sich Journalisten gern der Wahrheit verpflichtet. Aber, versuch die mal aus dem Online-Gästebuch eines Handballvereins herauszulesen! Da kannst du genauso gut den Krümelkaffee über die Tastatur schütten und den verbleibenden Satz als Text ansehen. Ich finde es richtig, dass Mirko seine Beobachtungen aufgeschrieben hat, auch wenn das Bild unvollständig bleibt und man einmal mehr als Nestbeschmutzer dasteht. Jedes Nest muss immer mal ausgemistet werden. Fragen Sie den Storch! Wenn er kommt.

Muss ein Journalist die Wahrheit herausfinden? Diese Frage können Schüler am Gymnasium gern mal diskutieren. Ich finde, man sollte es versuchen, auch wenn man sich damit nicht zum beliebtesten Gast auf der Tribüne macht. Worum geht es? Es geht um Geld, dessen Verteilung und um die Konstrukte, die wir gern Strukturen nennen. Es geht um das Gehalt eines Trainers und wer es bezahlt. Es geht um Sportförderung, wer sie verteilt und wer sie bekommt. Es geht um Sportstätten, deren Erhalt und den Preis für ihre Nutzung - um Geld. Hier müssen viel mehr Fragen gestellt werden. Warum es im Vereinssport - längst nicht nur im Handball - in Hoyerswerda Verwerfungen gibt, hat eine strukturelle Ursache: Schwindenden Ressourcen stehen wachsende Ansprüche und Besitzstandswahrer gegenüber. Keine Sorge, damit sind wir nicht allein. Das kennt man selbst auf Zypern.


Nur beim Frühling ist die Sache klar. Die Wahrheit ist: Er kommt noch.

 

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