Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

14.04.2012 15:00 (Kommentare: 0)

Fristlos gekündigt

Wie aus einer Kündigung eine öffentliche Hinrichtung wurde.

Dieser Text war daneben. Sicher anders als bei Dichter Grass, der auf seine alten Tage Vers- und Augenmaß verloren hat. Aber auch im Lokalteil haben Worte ihr Gewicht, wie ein Beispiel aus Lohsa zeigt.

Die Überschrift im TAGEBLATT lautete: "Verfahren gegen Hauptamtsleiter in Lohsa läuft". Die Nachricht war eine völlig andere. Der fristlos gekündigte Michael Schweinert klagt vor dem Arbeitsgericht. Das ist nicht ungewöhnlich nach einer Kündigung. Die berichtigte Überschrift müsste heißen: "Klage gegen Lohsa eingereicht". Das klingt irgendwie anders, oder? Weshalb ist Michael Schweinert gekündigt worden? Wir wissen es nicht. Aber fristlos war es und das klingt schlimm. Wir vermuten einen korrupten oder anderweitig kriminellen Angestellten. Lüge und Intrige kommen ebenso in Frage, nur denkt darüber niemand nach.

In Fachkreisen nennt man es "Propaganda der Tat". Sie müssen eine bestimmte Handlung nur mit ordentlicher Wucht ausführen, um aus Menschen einen aufgescheuchten Hühnerhaufen zu machen, der wild durcheinander gackert: "Oh, da muss was Schlimmes passiert sein. Wird schon was dran sein." Denken wir dann und erfinden die falschen Überschriften.

Nur, hätte Schweinert in die Stadtkasse gegriffen, die Sekretärin begrabscht oder anderweitig Anlass zur fristlosen Kündigung gegeben, welchen Grund gäbe es, darüber zu schweigen? Anstand vielleicht. O.K. Aber Datenschutz? Also bitte, Herr Bürgermeister Udo Witschas! Das ist ein dünner Ast, hinter dem Sie sich da verstecken.

Dieses Versteckspiel erleben wir öfter. Mal ist es ein nicht öffentlicher Teil, ein schwebendes Verfahren oder höhere Interessen. Mit solchen Begründungen können Sie als Politiker ganze Divisionen von Panzern in Krisengebiete verschieben, ohne dass ein Journalist Fragen stellt. Ein weiteres Motiv von Propaganda ist also Geheimhaltung. Schauen wir uns das auf lokaler Ebene an. Ich frage mich, was "nicht öffentlich" bedeutet. In geheimer Sitzung beraten Volksvertreter Dinge, die sie dem Volk vorenthalten. Wer ist hier bitteschön wem Rechenschaft schuldig? Ich kann auf kommunaler Ebene nun wirklich kein Thema erkennen, von dem wir als Volk ausgesperrt gehören - nicht einmal die Personalie eines Hauptamtsleiters, dessen Gehalt und eventuelle Abfindung aus Steuern bezahlt werden.

Udo Witschas wird seine Gründe haben, warum er die fristlose Kündigung des Hauptamtsleiters wollte. Die lassen sich herausfinden. Es muss doch möglich sein, die paar Gemeinderäte anzurufen. Da es Gegenstimmen und Enthaltungen gab, finden sich Menschen, die dem Reporter einen Tipp geben. Recherchiert! Dies Verfahren darf keine Schule machen, selbst wenn die Kündigung berechtigt war. Denn was lernen wir anderes daraus, als dass man mit Andeutungen und Gerüchten Interessen durchsetzen kann? Ist das Demokratie?

Ich habe mal gelesen: Lüge und Intrige dringen durch jeden Spalt, aber Wahrheit kommt nur durch die geöffnete Tür. Es braucht Menschen, die sie offen halten.

 

 

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