Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

09.02.2013 20:27 (Kommentare: 4)

Es geht um die Kolbasa

Eine unerwartete Begegnung mit der sorbischen Sprache, die eigentlich alltäglich sein müsste.

So ein Winterferientag im Lausitzbad ist laut und hektisch. Eine Familie auf zwei Schränke und vier Umkleidekabinen zu sortieren, ist eine Herausforderung. Marko vergisst im Gewühl seine Jacke. Papa ermahnt ihn: „Marko, twój kapa!“ Der Junge nörgelt sogar sorbisch zurück. Nein, das waren keine Polen. Dort heißt die Jacke Kurtka. Tschechisch: Bunda. Was heißt eigentlich sorbisch: „In fünf Minuten gibt es in Sauna zwei den nächsten Aufguss“?

Der Lausitzer Sprache geht es wie den Fußnoten in Frau Schawans Doktorarbeit: klein gedruckt, liederlich recherchiert, oft falsch, manchmal vergessen. „Die sorbische Sprache lebt“, steht auf der Internetseite hoyerswerda.de und der OB grüßt höflich mit „Witajče k nam“. Immerhin. Tiefer im Siedlungsgebiet wird es kurioser: „Welcome to Katholische Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt Wittichenau“ heißt es auf der dazu gehörigen Webseite, nachdem ich auf die blau-rot-weiße Fahne geklickt habe. Französisch hätte ich mir als Missetat eines Ministranten erklären können.

Boxberg.de, Spreetal.de, Lohsa.de (immerhin mit Driewitz/Drěwcy der Mittelpunkt des Sorbenlandes) – nichts! Elsterheide.de mało, also wenig. www.panschwitz-kuckau.de müsste aber vollständig übersetzt sein. Dort wohnt schließlich unser sorbischer Ministerpräsident. Ein paar Begrüßungssätze auf der Startseite, das war’s. Oh weh, weh, weh! Auf seiner Webseite steht: „Stanislaw Tillich. Der Sachse.“ Den Sorben gibt’s nur am Wochenende. Selbst von Google ist dieses Volk verlassen. Maltesisch kann die Suchmaschine, sogar Esperanto. Das spricht nun wirklich niemand! Aber da sind sie wieder, die typisch sorbischen Probleme. Ich kann mir vorstellen, einen Manager bei Google zu überzeugen, dass die Sprache gebraucht wird. An der Frage, welches Sorbisch das Richtige ist, dürfte Sorbengoogle allerdings scheitern.

Stellen Sie sich vor, jemand würde den Špis umdrehen! Deutsche wären plötzlich in der Minderheit. Dann würden wir erkennen, dass eine Sprache nicht an der Kaffeetafel sonntags und in ein paar teuren Theaterstücken überlebt. Sie muss im Alltag bleiben. Mein Ausflug ins Internet zeigt, dass der Faden gerade abreißt. Die Vogelhochzeit war wieder. Gesungen wird überwiegend deutsch. Bilder wie aus Groß Särchen mit Kindern in neuer Tracht sind eine schöne Ausnahme. Zampern in NVA-Uniform mag ab dem dritten Weinbrand lustig sein. Gelebtes Brauchtum ist das nicht. Viele Orte, an denen eine kleine Sprache gebraucht wird, sind verschwunden. Damit meine ich nicht einmal die Kohledörfer, an die das Tageblatt gerade erinnert. Den Hühnerwagen, die Kneipe oder den Dorfladen bringt niemand zurück. Im Kaufland steht unter der Wurst nun mal nicht „Kołbasa“. Um die geht es hier. In Bautzen zeigen Lauencenter und Saturn, wo die kulturelle Reise hingeht: „Soo muss Technik“. Die können nicht mal Deutsch!

Sorbisch hat den Dreißigjährigen Krieg, das Tausendjährige Reich und 40 Jahre Sozialismus überlebt. Wie viele Jahre soziale Marktwirtschaft wird es aushalten? Wird Marko seinen Kindern noch „Kapa“ beibringen? Oder ist das Jacke wie Hose?

 

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Kommentar von Anonym |

geil, ...

Kommentar von Anonym |

Ein sehr anregender Artikel, der eine neue Seite belebt. Wo bleibt meine Muttersprache im Alltag. Dźakuju knjez Priebe.

Kommentar von Anonym |

Ein sehr schöner, anregender Beitrag. Wutrobny dźak za to!

Kommentar von Anonym |

Wulkotnje, Bravo!