Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

28.09.2012 16:41 (Kommentare: 0)

Es boomt so vor sich hin

Der Jobkompass Oberlausitz zeigt nach Osten

Mangelnden Optimismus kann man dieser Zeitung wirklich nicht vorwerfen: „Es brummt!“ Von wegen, nur Negativschlagzeilen! Verwirrend ist das schon. Im Lokalteil brummt es, im Wirtschaftsteil herrscht Krise, im Börsenblock geht der DAX durch die Decke und auf Seite 3 wird der Euro begraben. Das ist keine Achterbahn der Gefühle, das ist ein komplettes Oktoberfest mit Schwindelgarantie.

Apropos. Wenn du zur Einheitsfeier am 3. Oktober in München davon erzählst, was wir hier „brummen“ nennen, machen sich einige vor Lachen in die Lederhos’n, gehen in Feinkost-Käfer sein Wiesen-Zelt und köpfen noch einen Champagner für dreitausend Euro die Flasche. Nein, das wird jetzt keine Neiddebatte. Wie arm ist das denn, wenn weder das Prickeln der Sektperlen noch der Alkoholgehalt für Stimmung sorgen, sondern ganz allein die Höhe des Bewirtungsbelegs?

Sprechen wir doch mal von Bescheidenheit. Da bekennt ein ehemaliger Grenzoffizier aus Löbau: „Mehr als tausend Euro im Monat brauche ich nicht!“ Als Aushilfskellner schlägt er sich durch. Solche Flaschen wie in München begegnen ihm dabei nicht. Seine Geschichte erzählt die Sächsische Zeitung zu Beginn der Serie „Jobkompass Oberlausitz“.

Na gut, boomen wir eben ein bisschen mit. Das lässt sich leicht behaupten in der unübersichtlichen Weltwirtschaft. Piccolo-Sekt statt Magnum Champagner. Aber es geht den Zeitungsmachern ganz offensichtlich nicht um das Prinzip Hoffnung, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme. Das ist spürbar, schon deshalb, weil eine Menge Zahlen und Fakten abseits amtlicher Statistiken zusammengetragen wurden. Ich will keine davon wiederholen, sondern mit Ihnen gemeinsam überlegen, welche Chancen darin liegen.

Der frühere Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf, sieht die Zukunft der Region auf der Achse Dresden, Görlitz, Breslau. Die Autobahn haben wir. Der Zustrom der Wölfe zeigt, dass sich die Neiße überwinden lässt. Wir müssten einfach mal anfangen Polnisch zu lernen und aufhören, in unseren Nachbarn nur Autoschieber und Zigarettenschmuggler zu sehen. Ganz ähnlich ist es mit den Tschechen. Sie beleben ganz massiv den Fremdenverkehr im Lausitzer Seenland und – ich sag das mal ungeschützt – vor zehn Jahren sah es noch so aus, als hätte Verkehr mit Fremden nur in umgekehrter Richtung eine Bedeutung.

Wir suchen Investoren auf schweineteuren Immobilienmessen in München und übersehen womöglich die naheliegenden Chancen. Sprechen wir lieber mit Menschen, die uns auf Augenhöhe begegnen, die vor ganz ähnlichen Herausforderungen stehen wie wir, mit denen wir eine gemeinsame Geschichte haben – und fast die gleiche Sprache. Ist uns schon mal aufgefallen, dass ein Abitur am sorbischen Gymnasium Bautzen die beste Qualifikation für den Brückenschlag ist, den Biedenkopf fordert? Es versteht nur nicht jeder.

Die nächsten fünf Jahre werden für die ganze Lausitz spannend. Wegziehen bis zur Vollbeschäftigung oder einfach umkehren. Wir müssen Chancen und nicht Flächen vermarkten! Feiertagsbesucher bei Mama und Papa: Kommt zurück! Ihr dürft sogar das HY am Auto wiederhaben. Wenn das jetzt nicht zieht.

 


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