Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

10.11.2012 22:03 (Kommentare: 0)

Diagnose: Chronisch gut

Das Klinikum kann sich sehen lassen. Das System ist trotzdem krank.

Für den Kolumnisten ist es beruhigend. Falls mir aufgrund bestimmter Themen mal die Galle überläuft oder der Blutdruck bedenklich anschwillt, bin ich in Hoyerswerda in guten Händen. Im SZ-Krankenhausführer steht das Seenland-Klinikum gleich drei Mal ganz vorn als Patientenempfehlung. Glücklich bin ich mit der Serie trotzdem nicht.

Kann man ein Krankenhaus in Hoyerswerda bewerten wie eine Hotelanlage in Hurghada? Essen gut. Zimmer sauber. Dusche, WC, TV vorhanden. Es ist schon deshalb falsch, weil ich nicht aussuchen kann, wer neben mir schnarcht. Dass der Zimmerservice freundlich ist und das Personal bemüht, deutsche Begriffe zu verwenden, mag mich rückkehrwilliger machen. Bei einem Krankenhaus erwarte ich jedoch, dass alles getan wird, damit ich so bald nicht wiederkomme!

Bei Gesundheitsthemen habe ich stets Abdominal-Schmerzen. Ungutes Bauchgefühl. Warum? Das wird in einem Satz deutlich, den Studienleiter Professor Joachim Kugler im Abschlussinterview gesagt hat: „Die Maximierung der Fallzahlen beobachten wir vor allem bei Diagnosen, die gut bezahlt werden – zum Beispiel Hüft-OPs und Herzkatheter.“

Die Kasse muss stimmen. Dafür braucht es zufriedene Kunden. Ich predige das selbst vor Unternehmern und Existenzgründern. Im Gesundheitswesen liegen die Interessen etwas anders. Der Arzt möchte – dafür schwört er einen Eid – die beste Heilung für seinen Patienten. Die Krankenkasse will dafür möglichst wenig zahlen und der Pharmakonzern hat seinen Teilhabern steigende Rendite versprochen. Denken Sie einen Moment über unsere Rolle in dieser Dreiecksbeziehung nach! Wenn wir ein Krankenhaus betreten oder schlimmstenfalls zur Tür hineingeschoben werden, sind wir eine Fallpauschale. Dieses System gehört täglich auf den Prüfstand!

Die Sächsische Zeitung hat das versucht, aber aus meiner Sicht einen schweren Fehler gemacht. Journalisten dürfen nichts nach den gleichen Maßstäben bewerten wie der Staat, dem sie auf die Finger schauen/hauen sollen. Eine Aktion wie der Krankenhausführer verkürzt den Abstand zwischen Entscheidungsträgern des oben beschriebenen Systems und den Medien. Das ist eine gefährliche Geschwulst. Patientenbefragung, Einhaltung staatlicher Normen, Kosteneffizienz - das sind Aufgaben der Krankenhäuser und -kassen, die an dieser Serie mitgewirkt haben. Eine Zeitung kann und soll darüber berichten, muss ihre eigene Position aber überdenken.

Was bedeutet die Statistik über Hormonbehandlungen bei Frühgeburten? Haben Sie verstanden, warum Hoyerswerda hier Punktabzug bekommt? Leider sagt auch die Patientenbefragung wenig aus. Sie ist – nebenbei nicht einmal aktuell, denn alle behandelten Fälle waren 2010. Bei denen es richtig schiefging, die können sich im Zweifel nicht mehr äußern. Beim Essen wird es noch deutlicher. Kann Professor Kugler erklären, warum Krankenhausessen im Lausitzer-Seenland-Klinikum mit einer neuen Hüfte signifikant besser schmeckt als mit eingebautem Herzschrittmacher? Wenn der Krankenhausführer mehr Patienten nach Hoyerswerda bringt und nebenbei die Auflage dieser Zeitung steigert, ist das gut so. Aber ist es deshalb richtig?

 


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