Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

06.01.2013 01:23 (Kommentare: 0)

Das doppelte Örtchen

Die Anfangsbilanz des Jahres 2013 hat zwei Seiten.

In unsere Rathäuser ist die Doppik eingezogen. In fast jedem Bürgermeister-Interview zum Jahreswechsel kommt sie vor. Örtliche Verwaltungen in Sachsen rechnen ab diesem Jahr wie Unternehmen. Hoffentlich richtig!

Doppelte Buchführung ist kompliziert. So die Behauptung derer, die wochenlang ihr Gehalt auf Schulungen verdient haben. Da kannst du hinterher in der Kaffeeecke nicht erzählen, es sei wie Urlaub gewesen. In meinem Studium hieß das Finance & Accounting. Und, ja, ich hatte schönere Fächer. Hattet ihr den internen Zinsfuß? Der hinkte immer.

Wie versteht man es leicht? Nehmen wir eine Straße. Bislang war sie nur zum Fahren und Laufen da. Oder zum Schimpfen, wenn Frost ihr den Rest gegeben hat. Jetzt ist sie ein Vermögenswert. Die kommunale Buchhaltung wird umgestellt, von der Momentaufnahme – Kamera-listik (hat es Klick gemacht?) – auf die kaufmännische Variante. Seit Fugger wird so gerechnet, nur in der örtlichen Schatzkammer nicht. Dort schaute man 600 Jahre lang nur auf den Geldhaufen in der Truhe und nicht darauf, ob er verdient oder in der Fuggerei geborgt war. Ich fürchte, das war Absicht, denn wessen Haufen ist größer geworden?

Der Begriff Kameralistik kommt übrigens mehr von Kammer als von Fotoapparat. Dies nur zur Vollständigkeit. Dass nun auf Soll- und Haben-Konten gebucht wird, ist keine Zeitungsnotiz wert. Dieselben Zahlen werden einfach anders dargestellt. Die größte Hoffnung der Bürgermeister bleibt aus. Nichts verdoppelt sich im Örtchen mit Doppik.

Um mit der doppelten Buchführung loslegen zu können, wird kommunales Vermögen neu bewertet und fortan abgeschrieben. Lohsas Bürgermeister Udo Witschas hat in dieser Zeitung bewiesen, dass wir aufpassen müssen. Er rechnet im Neujahrs-Interview vor, dass die Schlüsselzuweisungen durch den Freistaat für den Bau von Straßen in seiner Gemeinde nur etwa halb so hoch seien wie die Abschreibung. Er schlussfolgert: „Die Abnutzung ist also höher als der Werterhalt.“ Doppelt falsch! Erstens fehlen die Eigenmittel, die Sie bitte hinzurechnen müssen. Zweitens: Eine Straße, Herr Witschas, nutzt sich nicht dadurch ab, dass ihr Wert in den Büchern sinkt. Sie nutzt sich dadurch ab, dass auf ihr gefahren wird.

Bilanztricks erkennen und verstehen“ wäre ein wichtiges Volkshochschulfach für Gemeinderäte und Journalisten. In solchen Gesprächen muss man die passende Frage parat haben. In der Finanzkrise wäre uns einiges erspart geblieben, wenn Abgeordnete und Medien das Spiel mit den Zahlen besser durchschauen würden. Auch das ganze Tsatsiki mit Griechenland.

Es gibt einen Unterschied zwischen Finanzwesen und Gemeinwesen. Nehmen wir den Bestand an Büchern in einer öffentlichen Bibliothek. Welchen Wert hat „Franziska Linkerhand“, 1. Auflage 1974? Was steht dafür in den kommunalen Eröffnungsbilanzen, die Fuggers Nachfolger gerade für satte Honorare erstellen? Was PWC oder andere Beratungsunternehmen nicht ausrechnen können, sind gesellschaftliche Werte.

Merksätze, die es hier wohl noch anzufügen gilt: Doppik bringt keinen Cent mehr. Die Doppik nimmt uns die Entscheidung nicht ab, was wir erhalten und worin wir investieren wollen. Sie ist gefährlich, wenn Vermögen und Werte verwechselt werden. Sie ist ein Instrument der Buchführung, nicht der Politik!

 

 

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