Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

14.07.2012 17:05 (Kommentare: 0)

Christophs Bonusmeilen

Wie funktioniert der Wettbewerb im Rettungsdienst?

Das neue Rettungsdienstgesetz in Sachsen sorgt für Aufregung im Blaulichtmilieu. Von ruinösem Preiskampf und harter Konkurrenz ist die Rede. Wer mehr Wettbewerb im Rettungsdienst fordert, der müsste konsequenterweise auch für die Abschaffung von Airbags eintreten. Ist das nicht die logische Fortschreibung des Gedankens?

Konkurrenz belebt angeblich das Geschäft. Dann aber richtig! Wer das Unfallopfer zuerst auf die Trage kriegt, hat gewonnen! Statt der langweiligen Notrufnummer 112 wählen Kunden ihre Lieblingsretter aus der Werbung: "Sprich mit heißen Schwestern - Nullhundertneunzig ..." Wir erfassen Rettungswege auf den Chipkarten der Krankenkassen. Viellieger auf der Trage freuen sich über solche Ansagen: "Sie bekommen 100 Bonusmeilen für diesen Rettungsflug mit Christoph 21". ADAC-Mitglieder erhalten zusätzlich eine Häkelmütze für den automobil-eigenen Sanikasten. Gratis.

Was aber hat der Otto Normalversicherte vom Wettbewerb im Rettungsdienst? Die Frage darf man doch mal stellen. Schließlich sind wir es doch, die durch konsequente Überernährung, Raserei und Arbeitsschutzverletzung die Gewinne der Rettungsindustrie sicher stellen. Malteser, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter, ja selbst Arbeiter-Samariter werden zu knallharten Kapitalisten im Kampf um die Rettungshoheit.

In normalen Märkten können Sie Wertschöpfungsketten zeichnen: Irgendjemand liefert Ware oder eine (Dienst-) Leistung an jemanden, der dafür bezahlt. Versuchen Sie das mal für den Rettungsdienst oder noch besser für das gesamte Gesundheitssystem in Deutschland aufzumalen! Sie bekommen ein Wertschöpfungsknäuel, ein irres Geflecht aus Konzessionen, Richtlinien, Abgaben, Budgets, Abhängigkeiten. Gesund fühlt sich das nicht an.

Wettbewerbsregeln für solche "Märkte" aufzustellen, ist ungefähr so wirkungsvoll wie Übungspuppen mit dem Defibrillator zu traktieren. Sie kriegen die nicht zum Alleine-Atmen. Kann man denn von Wettbewerb sprechen, wenn aller paar Jahre eine gesetzlich verordnete Ausschreibungswelle durchs Land rollt? Hat das noch andere Wirkungen als regelmäßig verunsicherte Mitarbeiter im Rettungsdienst? Hoyerswerda hatte gerade einen solchen Anbieterwechsel. Was da letztlich passiert, ist Ringelpietz mit Anfassen. Betriebsübergang heißt es offiziell. Solche Gesetze fordern außerdem Preis- und Gebietsabsprachen förmlich heraus. Auch davon werden wir noch lesen.

1600 bis 1700 Euro Bruttolohn verdienen Rettungskräfte, und ich bin mir sicher, dass jetzt einige Sanitäter rufen: "Wenn ich mal so viel hätte!" Knapp über tausend Euro im Monat 'raus für den täglichen Kampf um Leben. Ich male jetzt nicht aus, welche Erlebnisse dranhängen an diesem Job. Sie wissen, dass ich es könnte.

Die Privatisierung solcher Aufgaben ist falsch und wir werden, ähnlich wie bei Stadtwerken, Verkehrsbetrieben und anderen öffentlichen Bereichen, einen Trend zur Rückverstaatlichung erleben. Warum soll ein Rettungsdienst nicht verantwortungsvoll in kommunaler Eigenregie geführt werden? Es gibt keinen Markt für Menschenleben. Geschäftsmodelle versagen hier irgendwann. Verantwortung ist alles, was zählt.

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