Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

18.05.2013 07:10 (Kommentare: 0)

Bunter Pfingstochse 2013

Die Preisverleihung

Das Internet weiß auch nicht alles. Wer nach „Pfingstochse“ sucht, landet auf Seiten, die von einem bis in das 19. Jahrhundert gepflegten Brauchtum sprechen. Da meine Kindheit aber auf das ausgehende 20. Jahrhundert zurückgeht, bin ich mir sicher, es besser zu wissen. In den Dörfern um Weißenfels hatten wir viele Verwandte. Manchmal frage ich mich, wie ich überhaupt so viele Großtanten und Großonkel haben konnte, wo deren Eltern doch kein Kindergeld bekommen haben.

Jedenfalls, wenn in Gröbitz der Pfingstochse durchs Dorf getrieben wurde, saß ich mit Babtscha, meiner liebevollen Uromi auf einer Bank und hielt Abstand. Es ging bei diesem Treiben nämlich zu wie beim Stierrennen in Pamplona. Freilich hatte der Ochse ein anderes, testosterongesenktes Gemüt. Unberechenbar waren eher die Männer. Zum Brauch gehörte es, den Ochsen zu schmücken. „Du rennst ja ‘rum wie ein Pfingstochse!“, war im Rest des Jahres kein Kompliment in Geschmacksfragen. Soviel zur Einordnung.

Ich will einen neuen Brauch starten und von nun an, mindestens für die nächsten zehn Jahre, immer am Pfingstsamstag einen Pfingstochsen verleihen für besonders auffällige Leistungen. Auszeichnen werde ich redaktionellen oder kommunalpolitischen Unfug. Bitte verwechseln Sie meinen Pfingstochsen nicht mit den Hornochsen oder Brummochsen, die uns in Vorfahrtsfragen begegnen. Er soll keine Beleidigung sein sondern ein bunt geschmückter Hinweis, wenngleich ich nicht ausschließen kann, dass er so aufgefasst wird. Ich brauche hier nur „Lohsa“ oder „Werkhalle Richtung Nardt“ schreiben und schon steigt das Testosteron.

Noch ein Wort zur Jury für den Pfingstochspreis. Die besteht aus mir. Ich bin Zwilling. Das muss reichen.

Mein erster Pfingstochse, der – Trommelwirbel, Auftritt Großer Chor – geht nach Boxberg an den Bärwalder See für völlig irre Vorstellungen von Tourismus und aberwitzige Planungen. Nun die Laudatio: Der Bärwalder See hatte bis vor Kurzem einen Wow-Effekt. Man kam von Boxberger Seite am großen Lauschangriff, beziehungsweise Ohr vorbei und konnte dieses Binnenmeer noch gar nicht sehen. Ein Kiefernwäldchen wirkte wie ein Vorhang, der den Blick auf die herrliche Kulisse erst frei gab, wenn man zu Fuß die letzten Meter zur Promenade ging. Dramatisch schön, bei guter Sicht mit Blick bis ins Riesengebirge.

Dieses Wäldchen ist nun fort und mit ihm die emotionale Wirkung. Dafür wird mit „Geldern der EU“ ein mittelschweres Architekturverbrechen begangen. Nun frage ich mich, wozu Boxberg eine Touristinformation braucht, die alles von Rügen bis Garmisch in den Schatten stellt. Aber vielleicht ist das mit diesen Bauten wie mit Maibäumen. Man stellt sie hin um irgendwas mit Größe zu demonstrieren und weiß nicht mal, wer das Ding bewachen soll. Den drei Leuten, die den Weg um den See wirklich nicht finden, hat der Fahrradverleiher in seinem Container ausreichend geholfen. Ein Investor für das Seerestaurant wird noch gesucht. Wenn sich einer findet, ist er für den nächsten Pfingstochsen schon mal nominiert. An fünf bis zehn Wochenenden im Jahr können Sie gar nicht so viele Pommes braten, wie sie brauchen. Das Geschäft „auf die Faust“ rechnet sich nur für Imbissbuden, die sie nach den Sommerferien vom Strand abziehen können. Und was ist so falsch daran? Gebt der Entwicklung im Seenland doch einfach Zeit und baut nicht immer neue Fördermittelgräber!

 

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