Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

10.08.2012 12:44 (Kommentare: 0)

Amsel, Drossel , Fink und Vollmeise

Artenschutz im umstrittenen Baugebiet Zoo-Quartier

Wussten Sie, wie Vogelnest im Amtsdeutsch heißt? Reproduktionsstätte. Auf solche ist das Quartier am Zoo untersucht worden. Als interessierter Bürger habe ich mir den geänderten Bebauungsplan angesehen und geprüft, ob im Planungsraum keine seltenen Tiere verarscht werden. Dass das mit uns Menschen gemacht wird, wissen wir.

So viele Vögel haben die nicht mal gegenüber im Zoo, wie in Anlage 2 aufgeführt sind. Sie ahnen nicht, was sich auf der Krokuswiese alles tummelt! Listige Gegner des Projektes besorgen sich schnell eine ausgestopfte Tüpfelralle und fotografieren sie auf der Wiese. Am besten mit Eiern in der Reproduktionsstätte. Wetten, dass Sie mit diesem „Beweis“ das Verfahren bis 2034 in die Länge ziehen können? Aber halten Sie sich an die Einspruchsfrist!

Kurz die Fakten: „Am 18.04.2012 erfolgten bei frühlingshaftem Wetter zwei Ortsbegehungen zur Brutvogelerfassung.“ Den Wetterbericht liefert ein Ingenieurbüro aus Pirna, das zum Eierzählen vor Sonnenaufgang nach Hoyerswerda gekommen war. Die Gesetze verlangen das und es sichert den Fortbestand vieler Arten deren Wirtstiere wir Steuerzahler sind. Doch zurück zum Reproduktionsakt.

Das Tageblatt hat bislang verschwiegen: 10 Vogelarten von Amsel bis Hausrotschwanz haben im Planungsraum einen amtlichen BV-Vermerk. Das bedeutet, dass sie schon mal angebändelt haben. BV heißt: „bestätigter Brutversuch durch singende Männchen mit deutlicher Revierabgrenzung“. Vergleichbares finden sie nur in Wittichenau zum Karneval.

Selbst mutige Überflüge durch Graureiher haben keinen Planungsstopp bewirkt. Zitat: „Die Graureiher waren damit beschäftigt, Nistmaterial aus dem Gebiet der Elsteraue im Nordwesten über den Untersuchungsraum hinweg zu ihren Brutbäumen zu schaffen.“ Das liest sich wie eine Stasiakte. Erst kommen die Spitzel und im Zweifel hacken sie dir später das Nest unter den Füßen weg. Als Reihervater würde ich meine Familie schnappen und ausreisen.

Glauben Sie, dass solche Texte jemals auch nur eine Mönchsgrasmücke gerettet haben? Wenn gebaut werden soll, wird gebaut werden. So einfach ist die Logik. Papier ist geduldig, Brachpieper auf der Innenstadtbrache hin oder her.

Die Fledermäuse in der Spremberger Straße (Tageblatt berichtete!) geben Rätsel auf. Sind es wirklich Große Abendsegler? Das bleibt im Dunkeln weil keine Nachtbegehung beauftragt war. Reicht dieses Versäumnis für einen Einspruch? Auf jeden Fall ist das Plangebiet Jagdrevier und Einflugschneise der Fledermäuse. Aber: „Nahrungs- und Jagdhabitate sowie Wanderkorridore und Flugrouten unterliegen nicht als solche dem Verbot des § 44 Abs. 1 BNatSchG (Bundesnaturschutzgedöns, d.A.). Eine erhebliche Betroffenheit der oben benannten Arten wird somit ausgeschlossen.“

Fledermäuse, ihr habt es damit schwarz auf weiß: Dem Gesetzgeber ist es scheißegal, wo ihr was zu Fressen herkriegt. Ihr könnt ja zu Aldi fliegen! Und falls es da nicht alles gibt, geht doch zum „Vollsortimenter“. Den siedelt der Projektentwickler extra für euch an!

Übrigens: Wie wär’s, wenn Sie am Wochenende mal wieder Ihre Reproduktionsstätte nutzen?


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