Kolumne „Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

13.10.2012 13:30 (Kommentare: 0)

Alle Sicherungen rausgedreht

Energiewende auf dem Rücken oder zum Vorteil der Lausitz?

Es ist Energiewende und ich bin dabei! Ist es nicht großartig, ganz nah dran zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird? Nur ist nicht klar welche. Aber Wendezeiten müssen etwas unübersichtlich sein. Bei der letzten Wende, an die ich mich erinnern kann, war das auch so.

Der Lausitz kommt eine merkwürdige Rolle zu bei der Stromrevolution. Es ist schon widersprüchlich, Kohlenkeller der Nation zu sein und gleichzeitig das größte Spaßbad Europas, das Lausitzer Seenland, zu bauen. Richtig schizophren ist aber die Doppelrolle als Klimakiller und rettender Umweltengel. Als beides ist der neue Kraftwerksblock in Boxberg diese Woche verschmäht und gefeiert worden. Oftmals noch im selben Satz. Wer aber denkt, da prallen positive und negative Ladungen aufeinander, wie in Wendetagen üblich, der irrt. Bei der Energiewende ist das anders. Selbst wenn Greenpeace mal ein Banner gegen CO2 ausrollt, legen die das schon in die Mittagspause, damit es ja nicht stört.

Kennen Sie überhaupt die größte Energiereserve der Menschheit? Sie liegt im Energiesparen. 80 Prozent ließen sich mit vorhandenen Technologien weniger verbrauchen. Darin waren sich Experten auf einer energiewirtschaftlichen Fachkonferenz in Zittau einig. Keine weitere Erfindung wäre nötig, um Strom-, Gas- und Benzinverbrauch auf ein Fünftel zu drosseln. Ohne Einbußen an Lebensqualität. So gesehen brauchen wir keine erneuerbaren Energien, sondern nur erneuerbare Politik.

Wir pflastern unsere Landschaft mit Solarzellen zu, deren Strom bei Sonne niemand braucht. Wir klotzen Windparks in die Nordsee und wissen nicht mal, wie wir den Saft runter kriegen bis zu BMW, Daimler und Audi im Süden oder von mir aus zu Krauss-Maffei – falls Panzer wieder mehr in Mode kommen. Diese sogenannte Energiewende wirkt, als hätte jemand alle Sicherungen rausgedreht. Wer jedes Mal eine gewischt kriegt, ist klar. Die Preisschocks kriegen wir alle ab.

Aus der Braunkohle quetschen Ingenieure das Mögliche heraus. Das verdient Respekt. Über 44 Prozent Wirkungsgrad beim neuen Kraftwerksblock sind sicher eine Leistung. Nur hat das nichts, aber auch gar nichts mit Atomausstieg, erneuerbaren Energien oder Umweltschutz zu tun. Als der geplant wurde, stand das japanische Atomkraftwerk Fukushima noch fest auf seiner Erdspalte.

Boxberg wurde erweitert, weil es sich rechnet. 675 Megawatt liefern irgendwas bei 10 Euro Umsatz pro Sekunde. Ein paar knackige Winter mit wenig Sonne und Wind und so ein Kohlekraftwerk tilgt schneller seine Baukosten, als die letzten Handwerker ihre Nachbesserungen erledigt haben. Das ist der Grund, warum Boxberg erweitert, Reichwalde wieder auf-, Welzow zur Halbinsel gemacht und Lieske an den Rand des Abgrunds gebracht wird. Es lohnt sich.

Blöd ist nur das Kohlendioxid, das beim Verheizen übrig bleibt. Wer in Chemie nicht gepennt hat, hat das vorher gewusst. Wohin mit dem CO2? Blubbern wir es über Rohre in die Seen und machen Whirlpools mit ganzjährig 32 Grad Wassertemperatur daraus! Das steigert den Wirkungsgrad des Tourismus gleich mit.

Etwas hatte ich nicht erwähnt. Diese Expertentagung mit 80 Prozent Energieeinsparung – die war 1993.

 

Kommentieren

Zurück

Einen Kommentar schreiben