Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

29.08.2015 06:25 (Kommentare: 0)

Willkommen im Klub der Dicken!

Der Urlaub in der Heimat war auch kulinarisch bereichernd - zeigt eindrucksvoll die Waage.

Als ich nach meinem Familienurlaub in Irland und der Normandie wieder in Hoyerswerda war, hatte sich hier nichts verändert - dachte ich zunächst. Auf allen Parkplätzen herrschte Hochkonjunktur. Die Leute beeilten sich, ihre Wochenendeinkäufe zu erledigen, bevor am Sonntag die Bürgersteige hochgeklappt wurden. Die Straßen dagegen waren wie leer gefegt, abgesehen von vereinzelten Menschen, die wie wild auf der Stelle tanzten, um den Göttern für den Regen zu danken. Als ich von der Hitzewelle hier erfuhr, war ich ziemlich neidisch. Während unserer langen Ferien hatten wir nur wenig Sonne und nie mehr als 23 Grad.

Komischerweise hatte ich Hoyerswerda bis zu dem Zeitpunkt nicht vermisst, an dem ich wieder hier war. Ich hätte nie gedacht, dass ich darüber so froh sein würde. Aber selbst nach zwei Tagen noch hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch was genau war es nur, das Hoyerswerda so anders erscheinen ließ? Der Groschen fiel erst, als ich mich in einem großen Wandspiegel sah. Nicht Hoyerswerda hatte sich verändert, sondern ich. Während des Urlaubs hatte ich so an Gewicht zugelegt, dass ich mich selbst kaum erkannte. Ich stieg auf die Waage und erlitt wegen der Zahlen auf der Anzeige fast einen Herzinfarkt. Ich wog 80 Kilogramm! Das konnte nicht stimmen! Ich konnte nicht über den Sommer sechs Kilo zugenommen haben! Mein Höchstgewicht waren 74 Kilo. Ich hatte es gerade erreicht, bevor wir nach Irland aufbrachen.

Ich wog mich noch auf anderen Waagen. Eine zeigte 78 Kilo und ich beschloss, dass das die korrekte Zahl ist. Das ändert aber nichts an den Tatsachen: Ich bin dick! Ich gehöre jetzt zur Armee der medizinisch Ausgestoßenen. Klinisches Übergewicht ist so schrecklich, wie das Wort dafür klingt: Adipositas - Fettleibigkeit. Bisher taten mir die Unglücklichen leid, die so genannt werden. Nun bin ich einer von ihnen. Der Umstand, dass der Großteil der westlichen Bevölkerung es in 50 Jahren auch sein soll, beruhigt mich gar nicht.

Ich grüble immer noch, wie ich in diesen bejammernswerten Zustand gekommen bin. In Irland verwöhnte ich mich gelegentlich mit Dingen, die ich hier vermisse. Das Problem ist, dass die Liste recht lang ist und ich es geschafft habe, sie mehrfach abzuarbeiten. Die guten irischen Sommerkartoffeln eignen sich hervorragend für Pommes frites. Ein oder zwei Portionen waren aber nicht genug. Wer weiß, wann ich wieder in Irland sein werde? Trotz der Liebe der Deutschen zu Schweinefleisch sind irische Würstchen und gebratener Schinken das Beste der Welt. Ein Frühstück wäre ohne sie ebenso wenig vollständig wie ohne Arán-Sóide-Brot, Spiegeleier, gebratene Zwiebeln, Tomaten, Pilze sowie ein Löffelchen weißer Bohnen in Tomatensauce. Während ich mich durch den Tag mampfte, trank ich abends im Pub ein paar Guinness und erzählte den Leuten dabei, wie fettig und ungesund deutsches Essen sei und wie gefährlich das tägliche Kaffeetrinken. Nun habe ich also die Strafe für mein loses Mundwerk.

Ich habe hier in Hoyerswerda einen engen Freund. Er ist ein großer, schlanker, dunkelhaariger Tänzer - die Art, von der alle Frauen träumen und die von den restlichen Männern gehasst wird. Er versucht ständig, mich für seine Fitness-Routine zu rekrutieren und hält mir Vorträge über gesunde Ernährung. Also habe ich mich im Internet über die Fitness-Optionen in der Stadt informiert. Fazit: Es besteht keine Einigung darüber, wie man am besten Gewicht verliert. Ich habe also beschlossen, mein Schicksal mit Würde zu tragen. Vorbild ist das Gebet „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich werde also einen Specki-Klub gründen, in dem Leute wie ich sie selbst sein können. Warum sollen wir uns ständig durch Stürze von diesen gefährlichen Hometrainern verletzen oder uns auf Rudermaschinen Muskelfaserrisse zuziehen? Wir werden die Atmosphäre nicht mit unserem Schweiß verpesten. Nein, wir sitzen zusammen, sprechen über zuckersüße Leidenschaften und darüber, wie zauberhaft wir aussehen. Jeder ist willkommen! Sie finden uns montags morgens im Stadtcafé am Markt gleich neben der Tortenvitrine.

 

 

Kommentieren

Zurück

Einen Kommentar schreiben