Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

11.04.2015 08:01 (Kommentare: 0)

Was Pfarrer Gregor und Papst Franziskus verbindet

Der Katholizismus hier in der Gegend scheint sich für Touristen geradezu anzubieten.

Kürzlich hatte ich ein nettes Gespräch mit einer Frau aus Wittichenau, deren Tochter für ein Austauschjahr nach Irland gehen will. In der Unterhaltung über kulturelle Eigenheiten stellten wir fest: Wittichenau hat anscheinend mit Irland mehr Gemeinsamkeiten als mit Hoyerswerda. Irland hat natürlich Städte und Großstädte, aber in den ländlichen Gemeinden lassen sich besagte Gemeinsamkeiten tatsächlich finden. Hier halten engmaschig gestrickte Dorfgemeinschaften alte Traditionen am Leben. Hier sorgen die Menschen füreinander.

Und in beiden Fällen ist, trotz vieler Probleme in den letzten Jahrzehnten, die katholische Religion sehr stark. Bereist man zum Beispiel das ländliche Irland, besonders im Süden, zeigt sich dieser Glauben physisch nicht nur in den vielen Kirchen, die jede Dorfmitte bilden. Marienstatuen, alte Grabstätten, Kreuze und geweihte Quellen sind fast allgegenwärtig. Zu bestimmten Zeiten findet man die Menschen um diese Stätten zum Gebet versammelt. Viele solcher Traditionen entspringen alten, heidnischen Bräuchen, die in die katholische Religion integriert worden sind. Iren wie Sorben haben solche Rituale über Jahrhunderte am Leben gehalten und zum Glück tut das auch die heutige Generation.

Obwohl Irland allgemein für ein sehr religiöses Land gehalten wird, glaube ich, dass Religiosität in Wittichenau noch stärker ausgeprägt ist. Mit Sicherheit aber ist sie hier farbenprächtiger. Ich habe die religiösen Oster-Zeremonien in Hoyerswerda beobachtet, habe das spektakuläre Osterreiten in Wittichenau besucht und denke, dass deutsche Katholiken Ostern auf intensivere Art begehen. Als Katholik bin ich zwar vielleicht nicht objektiv, aber ich finde, dass die hiesigen Oster-Traditionen enormes touristisches Potenzial haben. Der Vatikan ist eine der größten Touristen-Attraktionen der Welt. Religion als Basis für Tourismus ist also nichts Neues. Hoyerswerdas Pfarrer Peter-Paul Gregor ist vielleicht nicht so bekannt wie Papst Franziskus. Aber er hat Charisma und er macht Ostern zu einem ganz besonderen Fest.

In Irland war Ostern für mich eine Zeit täglicher Gottesdienste oft gegen inneren Antrieb, eine Zeit vieler Schokoladen-Eier und eine Zeit von reichlich Wein. Vorige Woche trank ich zwar auch etwas Wein und aß viel Schokolade. Aber das war verglichen mit der Menge an religiösen Tätigkeiten fast nichts. Ich bin sicher nicht der gläubigste Katholik der Welt. Aber meine Mutter legte Wert auf die wöchentliche Sonntagsmesse und dank ihr ist Religion ein wichtiger Teil meines Leben. Besonders in schwierigen Zeiten gibt sie Trost.

Pfarrer Gregor aber macht sie für mich noch anziehender. Ich habe in Irland zum Beispiel noch nie erlebt, dass ein Pfarrer in der Messe am Gründonnerstag die Waschung der Füße der zwölf Apostel zelebriert hat. Wir zünden in Irland auch kein Osterfeuer vor der Kirche an. Ich fand zwar den Gottesdienst am Ostersonntag mit 80 Minuten etwas lang. Aber mir kam dabei der Gedanke, dass die kirchlichen Osterfeierlichkeiten vielleicht auch für Nicht-Katholiken attraktiv sein könnten. Musik und Gesang waren bewegend, im Waschen der Füße offenbarte sich Demut und das Räumen der Kirche als Sinnbild von Christus Tod sowie das Feuer als Symbol für die Auferstehung wären berührende Rituale wohl auch für Touristen. Dazu kommen das Gestalten der Ostereier in den Familien und das Osterreiten am Sonntag.

Ich selbst habe den Osterreitern jetzt zum dritten Mal zugesehen. Es war wiederum ein atemberaubendes Erlebnis. Zu beobachten, wie hunderte von festlich gekleideten Männern auf Pferderücken singend die Osterbotschaft verkünden, ist erstaunlich. Es gibt gar keinen Zweifel, dass diese Tradition einer der größten Schätze der Region und mit Sicherheit auch für weit gereiste Touristen attraktiv ist. Vielleicht bringt die junge Wittichenauer Austauschschülerin ja schon im nächsten Jahr eine Gruppe irischer Pilger mit. Sie würden sich ganz sicher an bunten Ostereiern und am Osterreiten genauso erfreuen wie an den Predigten von Vater Gregor.

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