Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

06.06.2015 06:12 (Kommentare: 0)

Warum ich gern eine Ente wäre

Was ist der perfekte Ort zum Leben? Die Heimat jedenfalls ist immer etwas Besonderes.

Haben Sie sich je gefragt, wie Ihr Leben ohne eine ganz bestimmte Entscheidung verlaufen wäre? Ich erinnere mich sehr gut, wie ich 2003 zum Telefon griff, um mich für eine Art Wochenendkurs in Meditation in Tipperary im Süden von Irland anzumelden. Ich dachte, das Telefonat könnte mein Leben verändern. Und das tat es. In Tipperary lernte ich meine Frau kennen, eine Hoyerswerdaerin. Und nun lebe ich hier.

Ich glaube, jeder hat schon einmal so einfache Entscheidungen mit so großen Einflüssen auf sein Leben getroffen. Während meiner Schulzeit zum Beispiel fragte mein Irisch-Lehrer die Klasse, ob jemand im Sommer die Gaeltacht besuchen möchte. Unwissend meldete ich mich, um zu fragen, was denn die Gaeltacht sei. Ich hatte keine Ahnung, dass die alte gälische Sprache, die wir in der Schule lernten, an der Westküste Irlands noch immer als Muttersprache gesprochen wird und dass diese irischsprachigen Gemeinden Gaeltacht genannt werden. Mein erster Sommer dort änderte mein Leben und ich engagierte mich aktiv in der irischen Sprachbewegung. Sie ist seit diesem Sommer ein sehr bedeutsamer Teil meines Seins.

Es ist also wichtig, einfache, aber zugleich große Entscheidungen zu treffen. Manchmal sind es schwierige Entscheidungen. Seien wir ehrlich: Keine Entscheidung ist perfekt. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich Irland sehr vermisse und gern eines Tages wieder dort leben möchte. Ich mache das Beste aus meinem Leben in Hoyerswerda. Doch wie alle Menschen, die ihre Heimat verlassen, habe ich manchmal Heimweh. Aber wäre ich nicht nach Tipperary gefahren, hätte ich dort nicht meine Frau getroffen und wäre nicht der Vater unserer drei wundervollen Kinder, zweier Jungs und eines Mädchens. Hoyerswerda ist ein ruhiger Ort, manchmal zu ruhig. Es ist aber ein guter Ort, um Kinder großzuziehen. Und es ist letztlich auch ein guter Ort für mich selbst. Ich bekomme von hier aus einen ganz neuen Blick auf die Welt.

Neulich habe ich die Teilnehmer meines Englisch-Unterrichts gefragt, wo sie gern leben würden – und warum. Die meisten nannten Orte in Deutschland. Einer aber meinte, er würde schon jetzt an seinem Traumort leben, einem kleinen Dorf ein paar Kilometer außerhalb von Hoyerswerda. Er mag die Dorfbewohner, das kulturelle Leben sowie das Umland und kann sich nicht vorstellen, irgend woanders genau so zufrieden zu sein. Diese Antwort gefiel mir außerordentlich. Ich höre gern, wenn Leute glücklich mit ihrem Lebensmittelpunkt und stolz darauf sind. Als ich meiner Frau erstmals mein kleines Haus in Nordirland zeigte, sagte ich ihr auch, dass dies mein Traumort sei und ich nie und nimmer woanders leben könnte oder wollte. Ähnlich war das mit meiner Arbeit. Ich habe gern Fernsehprogramme produziert und vermisse das sehr. Aber mein Englisch-Unterricht hier stellt mich auch zufrieden. Und er ist deutlich weniger stressig.

Wenn ich den letzten Jahren etwas gelernt habe, dass das: Man sollte sich nicht zu sehr an eine Art des Lebens klammern. Denn wenn sich dann die Umstände ändern, wird die Anpassung schwierig. Ich habe eine Schülerin, die das meistert. Vor fünf Jahren war sie in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Seither sitzt sie im Rollstuhl, ist aber unglaublich positiv und trägt ihre Situation mit sehr viel Würde.

Meine älteste Tochter ist 23. Als sie fünf war, saßen wir eines Abends in meinem Elternhaus am Kamin. Meine Schwester fragte die Kleine, was sie einmal werden will. Die Antwort: Sie wolle so sein wie Jean Butler, die Frontfrau des irischen Riverdance Projektes, das nach einem Auftritt beim Eurovision Song Contest ein Riesenerfolg wurde. Meine ganze Familie war sich einig, das sei ein gutes Ziel. Doch dann wandte sich die Aufmerksamkeit meiner zweiten, damals vierjährigen Tochter zu. Als sie gefragt wurde, was sie sein will, wenn sie erwachsen ist, antwortete sie: eine Ente. Wir lachten und fragten, warum. Sie erklärte, dass eine Ente nichts tun müsse, außer sich den lieben, langen Tag auf dem Wasser zu erholen. Außerdem könne sie schwimmen, wohin immer sie wolle. Bis heute denke ich manchmal, dass ich wie damals meine Tochter gern so eine Ente wäre und hingehen könnte, wohin ich wollte. Weil es rund um Hoyerswerda so viele Seen gibt, wäre hier ganz sicher mein Traumort.

 

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