Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

27.09.2014 03:59 (Kommentare: 0)

Sind die Felder in der Ferne grüner?

Wo man auch lebt: Jeder Ort auf der Welt hat seine ganz eigenen Vor- und Nachteile.

Meine Mutter hat mir oft gesagt, das Gras sei woanders immer grüner. Das ist ein einfacher Satz mit vielerlei Bedeutung. Aber er ist natürlich nicht wahr, denn das irische Gras ist am grünsten. Doch das Leben eines anderen Menschen zu leben oder an einem anderen Ort zu Hause zu sein, scheint immer besser. So habe ich mich jedenfalls gefühlt, als ich 35 Kilometer südlich von Belfast in Nordirland wohnte. Das war, bevor ich nach Hoyerswerda kam.

Ich habe mein Haus und mein Land innig geliebt und tue das immer noch. Als Inhaber einer kleinen Firma mit einem Büro in Belfast waren die Arbeitstage sehr lang. Außerdem habe ich auf Reisen durch ganz Irland viel Zeit im Stau verbracht. Die Benzinpreise waren sogar noch höher als hier. Meine Frau, eine gebürtige Hoyerswerdaerin, war mit unseren Kindern an unser Haus gebunden, abgelegen auf dem Land. Wir hatten einen privaten Kindergartenplatz für unser großes Kind. Der war in einer sieben Kilometer entfernten Stadt und kostete 100 Pfund pro Woche – für nur sechs Stunden Betreuung am Tag. Und wir mussten drei Kilometer zum nächsten Geschäft fahren, um Milch zu kaufen. Nur ein Verrückter würde das mit einem Fahrrad versuchen, da die Straßen sehr schmal, kurvenreich, bergig und gefährlich sind. Ich habe das einige Male probiert, aber die Steigungen auf dem Rückweg ließen mich aufgeben. Und natürlich haben wir den berühmten irischen Regen. Später habe ich entdeckt: Wenn wir zu viel haben, schicken wir den Rest nach Sachsen.

Als meine Frau, die beiden Kinder und ich nach Hoyerswerda kamen, war unser Plan, nur ein Jahr zu bleiben. Das ist jetzt länger als viereinhalb Jahre her. Ich wurde, als ich nach Deutschland zog, viel besser als irgendein Tourist behandelt. Ich bekam viel Unterstützung durch meine neue Familie und das Gras hier war wirklich sehr grün: Es gab endlose, sichere Fahrradwege ohne einen einzigen größeren Hügel, keine langen Autofahrten zur Arbeit sowie gute und preiswerte Kindereinrichtungen. Und der Weg, um Milch zu kaufen, dauert für uns nur zwei Minuten.

Dass ich in der KulturFabrik so herzlich empfangen wurde, war sehr wichtig für mich. Sich der deutschen Kultur anzunähern, brauchte jedoch Zeit. Zuerst war ich schockiert über den direkten Umgang der Hoyerswerdaer. Aber ich war beruhigt, als ich bemerkte, dass es eine Eigenschaft der Deutschen im Allgemeinen ist und nicht nur der Hoyerswerdaer mir gegenüber. Erst vor ein paar Tagen hat mich eine Frau sehr missbilligend angesehen und den Kopf geschüttelt, als ich am „Mojito“ in der falschen Richtung auf dem Radweg fuhr.

In Belfast wurden unsere Taschen auf Sprengstoff kontrolliert, wenn wir in ein Geschäft gehen wollten. Das war während des Krieges, der nun zum Glück zwanzig Jahre vorbei ist. In Deutschland werden die Taschen kontrolliert, wenn man das Geschäft verlässt – in Friedenszeiten! Iren wundert so etwas. Wir würden außerdem lieber sterben, als in der Öffentlichkeit unsere Kleidung abzulegen – wie es hier in der Sauna getan wird. Ich habe mich aber schneller daran gewöhnt, als eine Ente ins Wasser kommt. Das Lausitzbad und seine Sauna sind heute Favoriten für mich.

Ich bin nun schon so lange hier, dass ich mich manchmal dabei ertappe, mich über Sachen zu beschweren, die mich früher nicht gestört hätten – fast wie die Einheimischen. Diesen Frühling trauerte ich, dass die Krokusse, die früher gegenüber vom Zoo blühten, kaum zu sehen waren. Nun wird die einst gemütliche Ecke jeden Tag unter mehr und mehr Beton erstickt. Soviel zur typischen DDR-Charakteristik, in der zu leben ich erwartet hatte! Bald wird es dieselben langweiligen Aldis und Lidls an jeder fünften Straße in jeder Stadt von Bayern bis nach Belfast geben.

Und lasst mich nicht von hiesigen Straßenbaustellen anfangen! Ich sehe zwar viel von der berühmten deutschen Effizienz. Aber die Iren bauten den Tunnel zwischen Frankreich und England schneller als die Deutschen die Straße durch Bernsdorf. Wenn ich hier einen durchgestrichenen Wegweiser sehe und eine Baustelle ahne, wird mir bange. Werde ich noch zu Lebzeiten über die Umleitungen nach Hause finden? In Irland findet sich immer ein Weg – direkt über die Baustelle! Erst jüngst an einem Sonntag wurde ein entspannter Ausflug zum Dreiweiberner See zu einem Albtraum. Ich sah den verteufelten roten Strich – über den Wegweiser geklebt. Ein fünfzehnminütiger Ausflug wurde zu einer einstündigen Irrfahrt und wir erreichten diesen See nicht. Es stellte sich aber heraus: Der Bärwalder See ist auch sehr schön und das Gras ist dort ganz genauso grün.

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