Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

25.10.2014 06:32 (Kommentare: 0)

Samhain in der Lausitz

Wer hat Halloween erfunden? Die Amerikaner waren es nicht!

Zu Halloween war meine Mutter eine Meisterin im Verkleiden. Sie spazierte die Landstraßen entlang, ging von Haus zu Haus und erschreckte die Nachbarn. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, brachte sie sie dazu, sie einzulassen und ein wenig Essen oder auch den einen oder anderen Whisky zu servieren. Dann zog sie weiter, ohne ihre wahre Identität preisgegeben zu haben.

Für sie war das natürlich ein Riesenspaß, aber es war auch mehr. Sie setzte eine alte Tradition fort, indem sie die Geister repräsentierte, von denen man glaubte, dass sie zu dieser Zeit des Jahres aktiv sind. Die meisten unserer Nachbarn erkannten wohl meine Mutter unter der Maskerade und spielten ihr zuliebe die Unwissenden. Mitunter folgten wir ihr in einiger Entfernung und konnten miterleben, wie sie tatsächlich manchen in richtigen Schrecken versetzte. Später saßen wir alle in des Nachbars Stube am offenen Feuer und hörten den Erwachsenen zu, wie sie Geschichten über die lokalen Charaktere – über tote wie auch über noch lebende – erzählten.

Nur wenige wissen, dass Halloween eigentlich eine ur-irische Tradition ist. Es reiste Mitte des 19. Jahrhunderts mit den irischen Auswanderern nach Amerika und ist von dort nun auch nach Hoyerswerda gekommen. Schaut man auf die ursprünglichen Wurzeln, hat sich das Ganze etwas zum Albtraum entwickelt. Aber da wir Iren das Problem geschaffen haben, möchte ich versuchen, es zu kitten.

Die Ursprünge der Kelten liegen in Zentraleuropa. So waren sie auch in Großteilen Deutschlands bis nach Sachsen hinein zu finden. Um 300 vor dem Jahr Null zogen sie gen Westen und haben sich in der französischen Bretagne, in Cornwall, auf der Isle of Man, in Wales, Schottland und natürlich in Irland niedergelassen. Dort sind sie dann als „Gälisch“ bekannt geworden. Hier entwickelten sie ihre eigenen weltlichen Feste und Rituale, so auch Samhain. Samhain war ein Erntefest. Es wurde zu der Zeit zelebriert, in der die Helligkeit des Sommers von der Dunkelheit des Winters abgelöst wird. Die Menschen glaubten, dass in dieser Übergangszeit die Geister der Toten unruhig werden und kurzzeitig in die „Jetztwelt“ zurückkommen. Zentral beim Samhain waren riesige Feuer als Ritual, um sich vor den bösen Geistern zu schützen.

Als im Jahr 432 das Christentum mit dem Heiligen Patrick Irland erreichte, war dieser schlau genug, Irlands weltliche Kulte zu respektieren. So ist es kein Zufall, dass die katholische Kirche später das Samhain als das Fest Ihrer Toten adoptierte. Allerheiligen (All Saint’s = All Hallows) wird bis heute am 1. November gefeiert. Der Tag beziehungsweise Abend davor ist als Hallows Eve bekannt, woraus sich der moderne Name für Samhain ableitet – Halloween.

Für uns Kinder im ländlichen Irland war das eine schier magische Zeit. Viele der alten Traditionen wurden noch gelebt. So haben wir Rüben ausgehöhlt und Kerzen hineingestellt – symbolisch gesehen eine Art Minifeuer zum Schutz vor bösen Geistern. Gute Geister jedoch waren immer willkommen. Das Beste zu Halloween war immer das Verkleiden, so zu tun, als wären wir Geister. Wir liefen die in der Dunkelheit unheimlichen Landstraßen ab, erschreckten die Nachbarn, um dann hereingebeten zu werden auf ein paar Nüsse und hausgemachten Kuchen. Wenn wir Glück hatten, gab es eine Geschichte. Später am Abend machten wir uns dann auf den Weg in die Stadt, um uns mit Freunden um das große Halloweenfeuer zu versammeln.

Diese Feuer sind längst durch Feuerwerkskörper abgelöst, die Rüben durch einfacher auszuhöhlende Kürbisse. Das heutige Halloween scheint mir ein etwas getrübtes Event, ein weiteres Opfer der Globalisierung und ein weiterer Anlass, unbedacht Geld auszugeben. Die Kinder verbringen keine gemeinsame Zeit mehr mit ihren Nachbarn, sondern sind nur daran interessiert, ihre Beutel mit so viel Süßem wie möglich zu füllen. Halloween ist längst kein Fest der Gemeinschaft mehr.

So lasst uns wenigstens hier in Hoyerswerda den alten Geist des irischen Festivals wiederbeleben! Lasst es uns für Kinder und Erwachsene nach Sachsen bringen, wo einst die Kelten ihren Ursprung hatten! Lasst uns solche Feuer entzünden, wie Ihr es hier schon in der Walpurgisnacht tut! Und lasst uns vorher die Nachbarn besuchen, die Einsamen, Kranken und Verbiesterten! Lasst uns Lieder für sie singen und Geschichten erzählen und von selbst gebackenem Kuchen kosten! Sollte also am kommenden Freitag eine stumme, schaurige Gestalt an Ihre Tür klopfen, geben Sie ihr ein Tröpfchen Whisky (vorzugsweise irischen!) und sie wird zu ihrer Ruhestätte zurückkehren und die bösen Geister von Ihrem Heim fernhalten.

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