Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

23.05.2015 07:00 (Kommentare: 0)

Sagen Sie es nicht den Iren!

Meine Landsleute würden den Männertag lieben - so, wie ich es tue.

Einer meiner liebsten deutschen Feiertage ist vorbei und wie immer habe ich ihn durch und durch genossen. Als ich zum ersten Mal vom Vatertag hörte, war ich ungläubig: Eine Kneipentour auf Fahrrädern? In Irland nennt man so etwas „pub crawl“, was sich mit Kneipen-Kriechtour übersetzen lässt. Denn am Ende sind viele einfach nicht mehr in der Lage, richtig zu gehen. Ein Ire, Bier und ein Fahrrad wären wahrscheinlich ein tödlicher Cocktail.

Zuerst hatte man mir gesagt, dass am Vater- oder Männertag tatsächlich nur Männer auf Kneipentour wären. Ich fand das etwas seltsam, denn in Irland ist kaum noch etwas „nur für Männer“. Sogar die traditionellen Junggesellenabschiede für den Bräutigam und seine männlichen Freunde vor einer Hochzeit sind nicht mehr so zahlreich. Diese Tradition kam in den 1970ern aus England und hatte ihre Glanzzeit in den 80ern. Die Iren mussten es damit natürlich übertreiben. Sie tranken zu viel und veranstalteten unaussprechliche Dinge mit dem Bräutigam. Heute sind die Männer vernünftiger. Es kann aber auch sein, dass die Frauen sie besser unter Kontrolle haben. Ich werde meinen ersten Junggesellenabschied aber nie vergessen: Ich wurde bis auf die Unterwäsche entkleidet und mit Eiern sowie Mehl beschmiert. An einen Autoanhänger gefesselt wurde ich so über Land gefahren und schließlich auf dem Markt eines Dorfes abgestellt. Zum Glück war ich dabei ausreichend alkoholisiert.

Ich wusste vor meinem ersten Männertag in Deutschland, dass er nie derartig wild werden würde. Eine Gruppe von Männern mittleren Alters konnte gar nicht so verrückt sein wie die Iren – zumal keiner der trinkfesten Wittichenauer dabei war. Etwas besorgt machte mich die Idee, auf Fahrrädern von Kneipe zu Kneipe zu fahren, aber schon. Am Ende verlief alles sehr zivil. Wir tranken maßvoll und vermieden den gefährlichen Schnaps. In meinen Augen ist der Männertag eine gute Gelegenheit, mit Freunden durch die Natur zu radeln. Es ist schön, das Rad zu dekorieren, durch Wälder und Wiesen zu strampeln, andere Männergruppen zu treffen und die Atmosphäre der Kneipen zu genießen.

Die Dominanz der Männer zu Himmelfahrt erinnert mich auch an eine verschwundene irische Tradition: Immer, wenn uns Verwandte besuchten, fuhr meine Mutter die Männer zum Pub. Zu Hause schwatzte sie dann mit den Frauen, bereitete ein Nachtmahl und holte die Männer eine Stunde vor Mitternacht wieder ab. Oft wartete sie geduldig im Auto, bis die Männer ihr letztes Bier getrunken hatten. Heute würde man so etwas vielleicht extrem sexistisch nennen. Aber die Frauen haben das damals nicht so empfunden. Sie waren froh, ohne Männer unter sich zu sein.

Ich frage mich, wie lange die Vatertags-Fahrradtouren überleben werden. Vorige Woche bemerkte ich zwei Veränderungen. Mehr und mehr Männer scheinen den Tag lieber mit ihren Familien zu verbringen, als mit Freunden Rad zu fahren und zu trinken. Es waren zumindest deutlich weniger Männer auf den Radwegen zu beobachten als in den Vorjahren. Zudem fehlte die Live-Musik in den Kneipen. Das war schade. Obwohl ich Schlager nicht mag, freut mich die Atmosphäre, die sie mit sich bringt. Es ist schön, wenn Männer sich erst brüsten, wie sehr sie Schlager verabscheuen und ein Bier später trotzdem laut mitsingen.

Eines ist sicher: Die Iren würden Männertags-Radtouren lieben. Leider können wir diese Tradition aber nicht exportieren. Irland hat zu viele Hügel, zu viele gefährliche Straßen und fast keine Radwege. Außerdem ist die irische Trinkkultur zu exzessiv. Zusammen sind das gute Voraussetzungen für eine Katastrophe. Wir könnten die Iren hierher einladen. Die Gefahr ist: Sobald sich das herumgesprochen hat, gäbe es hier in jedem Jahr zu Himmelfahrt irischen Massentourismus. Im Ergebnis würden Ehen zerbrechen, Leute ihre Arbeit verlieren und wir wären von Betrunkenen überrannt. Es würde also so enden wie beim letzten Mal, als Iren in Scharen ihr Land verließen: Irland hatte sich 2002 für die Fußball-WM in Asien qualifiziert. Am Flughafen stand ein Schild: „Der Letzte, der geht, löscht bitte das Licht!“ Einige Fußball-Fans sind bis heute nicht zurück.

Etwas Positives könnte die Sache freilich doch haben: Eure Schlager sind noch furchtbarer als unsere ähnlich beliebte Country- und Westernmusik. Vielleicht würden die Iren daran Gefallen finden und die Schlager mit nach Hause nehmen. Dann hätten wir hier etwas mehr Ruhe.

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