Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

22.11.2014 07:13 (Kommentare: 0)

Meine oder deine Kirche?

Hoyerswerdas Martins-Fest kam ganz ohne Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten aus - keine Selbstverständlichkeit!

Ein junger Mann spazierte einst durch einen ihm fremden Stadtteil von Belfast, als ihn eine Gruppe Jugendlicher stoppte und nach seiner Religion fragte: „Bist Du Protestant oder Katholik?“ Die falsche Antwort würde mit großer Wahrscheinlichkeit wie so häufig zu dieser Zeit in Nordirland zu einer heftigen Schlägerei geführt haben. „Ich bin Atheist“, antwortete der junge Mann. „Ja, aber bist Du katholischer oder evangelischer Atheist?“ In Nordirland bist Du eben entweder in eine evangelische oder katholische Familie hineingeboren, egal ob Dir das nun gefällt oder nicht!

Bei den St.-Martins-Feierlichkeiten am 11. November in der evangelischen Johanneskirche in Hoyerswerda traf ich auf Katholiken, Protestanten und Atheisten gleichermaßen. Alle sangen gemeinsam, schauten dem kleinen Kinderprogramm vorm Altar zu und spazierten anschließend mit bunten Laternen zum St.-Martins-Spiel am Johanneum. Dabei kam es mir nicht in den Sinn, den einen oder anderen anzuhalten und nach seiner Religion zu fragen. Die Belfast-Logik „Wenn ich Dich nicht kenne, so musst Du zur anderen Seite gehören“ funktioniert hier nicht.

Das ist eines der Dinge, die ich an Hoyerswerda besonders mag. Die Religionszugehörigkeit der Menschen steht nicht an erster Stelle und das sogar zu solch einer Feierlichkeit wie St. Martin. Auch im letzten Jahr war ich mit dabei. Damals fand das Fest in und um die katholische Kirche „Zur Heiligen. Familie“ statt. Sehr eindrucksvoll ritt St. Martin auf einem stolzen Pferd ein, aus meiner Sicht der Legende für den Mann auch angemessener als der Auftritt der beiden Esel in diesem Jahr.

Ich war tief beeindruckt, als ich herausfand, dass die Zeremonie diesmal in der evangelischen Kirche stattfinden würde. In Belfast wäre so etwas auch heute noch nicht denkbar. Gemeindemitglieder würden sich schlicht nicht wohlfühlen in anderen Kirchen. Die einzige Ausnahme sind Beerdigungen. Als Junge aus einer katholischen Familie habe ich öfter Begräbnisse protestantischer Nachbarn besucht. Aber ich habe mich immer gewundert, warum bei katholischen Beerdigungen viele der protestantischen Nachbarn vor der Kirche warteten. Als ich dann älter war, habe ich gelernt, dass diese Leute Mitglieder rechtsgerichteter protestantischer Organisationen waren, die ihnen das Betreten katholischer Kirchen verboten. Ich selbst kann zwar Beerdigungen protestantischer Nachbarn besuchen, um deren trauernden Familien Respekt und Beileid zu zollen, aber so richtig willkommen fühle ich mich dabei nicht. Was für eine Religion ist das eigentlich? Wenn man sich in einer Kirche nicht wohl- und willkommen fühlt, ist es eigentlich auch keine richtige Kirche.

In der evangelischen Kirche in Hoyerswerda hingegen habe ich mich nie unwillkommen gefühlt. Mein erster Besuch der Johanneskirche geschah aus Versehen. Ich besuchte den Weihnachtsgottesdienst und bemerkte erst, als er lief, dass ich nicht in einer katholischen Kirche saß. Die Atmosphäre war jedoch gut und so blieb ich. Ebenso willkommen fühlte ich mich beim diesjährigen Martins-Fest. Es war hauptsächlich eine Feierlichkeit für die Kinder und deren Familien – gläubige wie nicht gläubige. Ohne Zweifel war es eine christliche Zusammenkunft. Dennoch gab es sehr viele Teilnehmer, die sich nie als religiös bezeichnen würden. Auch diese waren willkommen und verdienten es, dabei zu sein. So sollte Religion sein.

Viele der großen christlichen Feste wie Ostern oder Weihnachten sind längst weltliche Höhepunkte für jedermann geworden, aber die religiöse Botschaft liegt noch immer im Zentrum für alle, die das möchten. Für alle aber, die sich mit Religion nicht anfreunden können, gibt es immer noch die humanitäre Botschaft: Martin hat seinen Mantel mit einem ihm unbekannten Bettler geteilt, um ihn vor der Kälte zu schützen. Egal ob man diese Legende nun glaubt oder nicht: Tatsache ist, dass es auf unserer Welt genügend Menschen gibt, die solcher uneigennützigen Gesten und humanitärer Hilfe bedürfen.

Nach dem Martinsspiel wurden im Schein des großen Feuers wie bereits im Vorjahr die legendären Martinshörnchen verteilt. Ich kann vermelden: Sie waren dieses Jahr besonders lecker. Wir wurden aufgefordert, die Hörnchen mit den Menschen um uns herum zu teilen – so, wie Martin es mit seinem Mantel tat! Es ist nicht zu leugnen, dass so ein kleiner Akt etwas Besonderes, etwas Verbindendes hat. Vielen der Kinder wird diese kleine Festlichkeit sicher gut in Erinnerung bleiben. Sich hinter funkelnden Laternen mit Freunden unterhalten, dabei den blau blinkenden Polizeiautos zuschauen, die eigens für sie die Straße sperren und dann das süße Hörnchen mit dem Nachbarn teilen – all diese kleinen Dinge sind ungeheuer wichtige charakterbildende Erfahrungen.

Ich bedauere sehr, das es in Nordirland (noch) keine solchen ökumenischen Veranstaltungen gibt. Vielleicht wären wir dann nicht so eine geteilte Gesellschaft? Ich bedauere ebenfalls, die Organisatoren des Martinsspiels nicht nach dem Rezept für die Hörnchen gefragt zu haben. Es ist mir egal, ob es evangelischer, katholischer oder atheistischer Teig war: Es war köstlich! Wenn also jemand das Rezept haben sollte: Schickt es mir bitte!

 

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