Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

31.01.2015 07:30 (Kommentare: 0)

Mach's gut, Frank!

Der Tod eines Hoyerswerdaer Straßenmusikers ist Anlass für Überlegungen zum Leben mit vermeintlich Fremden.

Seltsam, welchen Einfluss der Tod von Leuten, die wir nicht kennen, auf unser Leben haben kann! Ich war zehn, als mit dem King of Rock and Roll eines meiner Idole starb. Elvis wäre vor drei Wochen 80 Jahre alt geworden und ist bis heute eine Legende. Hoyerswerda hat erst vor Kurzem einen Musiker verloren. Er war zwar nicht halb so bekannt wie Elvis, starb aber Ende Dezember genau wie dieser in einem recht jungen Alter. Ich bekam es nicht sofort mit, als Frank Paul gestorben war. Ich bekam nicht einmal mit, dass es für ihn eine Gedenkfeier in der KulturFabrik gab.

Es war ein vertrauter Anblick, wie er mit seiner Gitarre vor dem Lausitz-Center saß oder manche kulturellen Ereignisse in der Stadt mit seiner Musik bereicherte. Ich hatte vor ein paar Jahren das Vergnügen, ihm im Zug von Dresden nach Hoyerswerda zu begegnen. Er stellte sich mir vor und war erfreut zu hören, dass ich Englisch spreche und aus einem anderen Land komme. Es machte ihm Spaß, die Verschiedenheit von Menschen zu entdecken, während er selbst recht exzentrisch war. Er erzählte mir von seinem Leben als Musiker und welche Schwierigkeiten er hatte, davon zu leben. Frank Paul war an diesem Tag in Dresden, weil er hoffte, dort bei der Suche nach Kleidung in einem An- und Verkauf ein Schnäppchen machen zu können. Er fand aber nichts. Als wir uns bekannt gemacht hatten, sagte ich ihm, es tue mir leid, dass er seine Zeit verschwendet habe. „Es war keine Zeitverschwendung“, sagte er. „Ich habe doch Dich getroffen.“

Nun bin ich traurig, dass ich keine Chance mehr hatte, ihn besser kennenzulernen. Unsere Unterhaltung im Zug war die längste, die wir je hatten. Aber ich werde seine freundlichen Worte niemals vergessen. Ich hatte damals keine Ahnung von seiner ernsthaften Erkrankung. Er schien so glücklich und zufrieden. Immer, wenn ich ihn später in der KuFa traf, lächelte er und wir tauschten ein paar Floskeln aus, bevor ich mich mit anderen Leuten unterhielt. Mir ist jetzt erzählt worden, wie wundervoll seine Tochter bei der Gedenkfeier über ihn sprach und wie sie den Fakt erwähnte, dass er von vielen Leuten nicht vollständig akzeptiert wurde. Ich bin diesbezüglich auch schuldig.

Zwar fand ich Frank Paul sehr sanft und offen, aber gleichzeitig doch auch etwas fremd. Und deshalb hielt ich Distanz. Obwohl er zu mir so nett war, folgte ich der Menge und behandelte ihn wohl etwas unfair, indem ich nicht versuchte, ihn noch besser kennenzulernen. Wenn wir aber schon die etwas schrägen Charaktere in der eigenen Stadt nicht gut aushalten, welche Chance haben dann völlig Fremde, die vielleicht auch noch sehr anders aussehen? Ich habe Glück. Obwohl ich in Hoyerswerda eigentlich ein Fremder bin, werde ich akzeptiert. Ich kann sogar meine Meinung in dieser Kolumne frei äußern.

Anders als ich es bei Frank Paul getan habe: Bitte strecken Sie denen die Hand aus, die aus nicht-westlichen Ländern und Kulturen hierher kommen! Einige von ihnen trauen sich nachts nicht auf die Straße. Aber uns sollte allen bange sein vor einer Welt, die Leute ablehnt, weil sie anders sind als wir. Es ist aber nie sinnvoll, Anderes abzulehnen. Das macht uns nur ärmer. Hoyerswerda wird kleiner, seine Bevölkerung älter. Menschen sind aber der Sauerstoff für jede Stadt. Wir hier brauchen mehr Leute, um alle Angebote am Leben und Hoyerswerda lebendig zu halten. Wollen wir wirklich in einer Stadt leben, in der jeder Einzelne ganz genauso ist wie wir selber? Wäre das nicht ausgesprochen langweilig? Wie viele andere möchte ich von anderen Erfahrungen, Geschmäckern und Kulturen profitieren. Individuelle Vielfalt haucht jeder Stadt neues Leben, neue Ideen und neue Projekte ein und erzeugt neue menschliche Verbindungen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts tausenden Iren die Arme geöffnet und diese Iren haben dafür geholfen, Amerika zu bauen. Aber zunächst wurden viele schlecht behandelt und diskriminiert. Auch in London gab es Kneipen mit Schildern „Für Iren verboten“. Man betrachtete sie als dumme Bauern von einer zurückgebliebenen, kleinen Insel. Aber diese dummen Bauern wurden oft sehr erfolgreiche Leute. Heute haben die Iren weltweit einen guten Ruf, etwa als Friedenswächter, Künstler und Musiker. Wir haben genau solche Talente in Hoyerswerda unter uns.

Sie schlummern in denen, die wir kennen und in denen, die wir nicht kennen. Ohne Frank Paul ist die Stadt ein bisschen langweiliger. Nach meiner Kenntnis haben wir mit ihm Hoyerswerdas einzigen Straßenmusiker verloren. Wir sollten versuchen, in seine Fußstapfen zu treten. Ich hoffe, dass jemand anderes seinen nun leeren Platz vor dem Lausitz-Center einnimmt und dass er willkommen ist. Ich hoffe, dass wir diese Person besser behandeln – egal, wo sie herkommt. Ein irisches Sprichwort sagt, dass es keine Fremden gibt, sondern nur Leute, die man noch nicht kennt.

 

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