Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

07.11.2015 08:58 (Kommentare: 0)

Lehren aus der Küche

Ein Volkshochschulkurs brachte unterschiedliches Verhalten von Iren und Deutschen nach dem Essen zutage.

Ein unter älteren Leuten verbreitetes Sprichwort besagt: Du kannst dich nicht an dem Anblick deines Kuchens erfreuen und ihn gleichzeitig genießerisch vertilgen. Ist der Kuchen einmal verspeist, dann ist er fort. Man kann zwei gegensätzliche Dinge eben nicht gleichzeitig haben. 

Kürzlich fühlte ich mich geehrt und war gleichzeitig ein wenig nervös. Ich wurde gefragt, ob ich einen irischen Kochkurs an der Volkshochschule leiten könnte. Was die Volkshochschule bis dahin nicht wusste: Ich habe weder einen guten Ruf noch eine Vergangenheit als guter Koch vorzuweisen. Meine ersten kulinarischen Bemühungen zeigte ich im Alter von 13 Jahren. Damals versuchte ich, für meine Familie süße Kuchenbrötchen zu backen. Man verspeiste die Kreation höflich – um eine Back-Wiederholung wurde ich nie wieder gebeten. Die Botschaft hätte wohl nicht eindeutiger sein können.

Meine Kochkünste haben sich seit jener Zeit ein klein wenig verbessert. Als Student in Belfast hatte ich irgendwann die Nase voll vom faden Mensa-Essen. Gemeinsam mit Freunden beschlossen wir, abwechselnd jeder einmal pro Woche füreinander zu kochen. Dabei konnte ich nichts falsch machen. Alles, was über die klassischen „canned beans on toast“ (weiße Dosen-Bohnen in Tomatensauce auf Toast) hinausging, wurde zum Geniestreich erklärt. Ich habe mich immer auf einfache Gerichte beschränkt und komplizierte Rezepte tunlichst vermieden. Darin ist nämlich immer mindestens eine Zutat enthalten, von der man im Laden an der Ecke noch nie etwas gehört hat. Gebackenes oder gekochtes Gemüse, etwas Fleisch und ein paar Gewürze – das genügte, um den Hunger in Schach zu halten. Zudem schmeckte selbstgekochtes Essen immer besser als die Angebote in den schmuddeligen Studentencafés.
Früher bei uns daheim kochte immer meine Mutter, bis meine Schwestern alt genug waren, um ihr dabei zu helfen. Männer hielten sich von der Küche fern. Ich bin mit den gleichen traditionellen Gerichten aufgewachsen, die schon meine Mutter als Kind aß. Fast täglich Kartoffeln, Fleisch und gekochtes Gemüse. Einzig die Fleischsorten und die Art und Weise, wie sie zubereitet wurden, wechselten. Wir liebten diese einfachen Gerichte. Und ganz besonders den leckeren Nachtisch. 

Die wenigen Kocherfahrungen und die Erinnerung an den Geschmack meiner Kindheit sollten mich nun durch den Kurs an der Volkshochschule bringen. Zu Hause hier in Hoyerswerda koche ich zwar oft für meine Familie, aber vor erwachsenen deutschen Kochinteressierten zu bestehen, ist wohl doch etwas ganz anderes.Vor einigen Jahren besuchten mich Freunde in Irland und ich wollte sie mit einem guten Essen beeindrucken. Um eine mögliche kulinarische Katastrophe zu vermeiden, lud ich einen befreundeten renommierten Koch ein, um für uns alle daheim zu kochen. Ich wollte die Hoyerswerdaer mit einer Kostprobe guten traditionellen irischen Essens überraschen. So saßen wir alle in der Küche meines kleinen Hauses inmitten verführerischer Gerüche. Was würde er für uns zaubern? Am Ende stand eine dampfende, köstliche Tagine, ein Schmortopf, auf dem Tisch. Ganz traditionell… marokkanisch! Sage und schreibe 13 Teilnehmer hatten sich für den Kurs angemeldet. Würde ich es schaffen, innerhalb von zwei Stunden ein traditionelles, irisches Drei-Gänge-Menü zu kochen? Die Sorge war unbegründet. Von der Kurs-Koordinatorin erfuhr ich, dass die Teilnehmer selbst kochen und ich sie lediglich anleiten sollte. Vergnügt reichte ich also Stress und Schürze weiter. 

Außer mir gab es noch einen einzigen Mann. Ich bedauerte ihn ein bisschen, so inmitten all der Frauen. Er wollte sich an der Zubereitung des Teigs für den traditionellen Apfelkuchen versuchen. Als Küchenchef konnte ich ihm natürlich nicht stecken, dass mir der Teig meist zerfällt. Und so sagte ich ihm, sein Job sei einer der schwersten des heutigen Abends und die richtige Konsistenz erfordere eine Menge Fingerspitzengefühl …! Er meisterte seine Aufgabe übrigens sehr gut. Die Atmosphäre in der Küche war toll. Punkt 8 saßen wir alle am Tisch. Als Vorspeise gab es eine sahnige Dillfrischkäsecreme mit geräuchertem Lachs auf Melba-Toast, gefolgt vom Hauptgang, einem irischen Lammeintopf mit reichlich Guinness, und als Nachspeise einen gedeckten Apfelkuchen mit Nelken, angerichtet mit Whisky-Dessertsauce. Begleitet von irischer Hintergrundmusik auf CD. Alles in allem ein wirklich gelungener Abend!
Und dann: Innerhalb einer halben Stunde war das von 14 Leuten benutzte Geschirr, alle Töpfe und Pfannen abgewaschen und weggeräumt. Die Küche der Volkshochschule sah so sauber aus, als hätte die Veranstaltung gar nicht stattgefunden, und alle gingen vor halb zehn nach Hause. Das war deutsche Gründlichkeit im Automatikmodus!

Als ich hingegen mal Freunde aus Hoyerswerda in Irland zu Gast hatte, schoben wir nach dem Essen den schmutzigen Geschirrhaufen beiseite, gossen mehr Wein ein, drehten die Musik auf und tanzten bis spät in die Nacht hinein. Der dreckige Geschirrberg – und ein tüchtiger Kater! – begrüßten uns am nächsten Morgen, und wir hatten noch den ganzen Tag zu leiden. In der Volkshochschule hingegen konnten wir den gelungenen Kuchen nicht nur bestaunen, sondern auch essen – und das ganz ohne folgenschwere Nachwirkungen.

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