Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

25.04.2015 06:56 (Kommentare: 0)

Kriegsopfer - mehr als nur eine Statistik

Der Tod eines katholischen Geistlichen in Hoyerswerda im April 1945 erinnert an viele mehr oder weniger namenlose Tote in vielen Kriegen.

Wie viele Leute haben wohl schon von Anton Kowalleck gehört? Mir war er jedenfalls bis letzte Woche kein Begriff. Nach der Sonntagsmesse in Hoyerswerdas katholischer Kirche nahm ich an einem Erinnerungsgebet anlässlich seines 70. Todestages teil. Anton Kowalleck war in Hoyerswerda von 1924 an Pfarrer der Gemeinde Zur Heiligen Familie. Er war es bis zum 20. April 1945, als er am Treppenaufgang zur Hintertür des Pfarrhauses von sowjetischen Soldaten erschossen wurde. Was seinen Tod noch ergreifender macht, ist, dass er sich zu dieser Zeit um im Pfarrhaus untergebrachte Kriegsflüchtlinge kümmerte.

Man weiß nicht, ob das der Grund für seine Tötung war. Eine Theorie ist, dass die Soldaten sein dunkles Priestergewand für eine SS-Uniform hielten. Anton Kowallecks Fall ist nur eine von Millionen Tragödien aus dem Zweiten Weltkrieg, dem tödlichsten Konflikt der Menschheitsgeschichte. Über Anton Kowalleck und die Umstände seines Todes wissen wir nur wenig. Aber noch weniger wissen wir über die unzähligen Soldaten und Zivilisten, die ebenfalls Opfer des Krieges geworden sind. Es gibt keine Chance, dass man sich an alle gleichermaßen erinnert und so sind sie für die meisten Leute eben namenlose Opfer.

Angesichts der Größe des Krieges und der dabei angerichteten Zerstörungen war die Ehrung der Opfer für die Überlebenden wohl zumindest zweitrangig. Als alles in Ruinen lag und Nahrungsmittel knapp waren, mussten die Menschen in erster Linie ums Überleben kämpfen. Und da der Tod in solchen Größenordnungen auftrat und auch keine gesellschaftlichen Strukturen mehr existierten, wurde der Tod vieler einfacher Menschen einfach nicht untersucht.

Ich bin an der Stelle von Anton Kowallecks Tod oft vorüber gegangen. Nun, wo ich weiß, was dort Schreckliches geschehen ist, sehe ich den Ort mit anderen Augen. Er erinnert mich an das Erbe unseres eigenen Krieges in Irland. Ich war zwei Jahre alt, als 1969 die jüngste Phase des Irlandkrieges mit Großbritannien auf den Straßen von Belfast ausbrach. Deutlich erinnere ich mich, mit neun im Fernsehen einen Aufruf gesehen zu haben: „Sieben Jahre sind genug!“ Ich ahnte nicht, dass dieser Krieg 30 Jahre dauern und 3 600 Menschen das Leben kosten würde. Unser Krieg ist nun vorbei, aber die Heilung steht erst an ihrem Beginn. Einen großen Teil dieses Heilungsprozesses macht die Suche nach der Wahrheit aus. Aus meiner Sicht ist sie ein heute eher zweckloses Unterfangen.

Wie im Fall von Vater Kowalleck werden wir wohl nie ganz genau erfahren, wie jedes einzelne Opfer gestorben ist. Trotzdem suchen ihre Familien nach Antworten. Sie wollen wissen, was ihren Lieben wiederfahren ist. Aber weder die Kämpfer aufseiten der Iren noch die aufseiten der Briten sind bereit, Details zu liefern. Wie alle Kriege war es ein schmutziger Krieg. Die Irisch-Republikanische Armee IRA, die die Briten bekämpfte, war eine irreguläre Miliz und hat daher keine offiziellen Aufzeichnungen hinterlassen. Die staatlichen Kräfte auf britischer Seite sind für viele illegale Tötungen verantwortlich und haben ihre Aufzeichnungen dazu zerstört.

Mein Großcousin starb 1981 im Kugelhagel der staatlichen Polizei. Er war damals erst 17. Einige Jahre später fand eine Untersuchungskommission heraus, dass Tonaufnahmen des Geschehens von der Polizei vernichtet worden waren. Sie hätten seine Unschuld belegen können. Und das ist kein Einzelfall. Die Familien fordern auch weiter Gerechtigkeit. Aber wie viele andere glaube auch ich, dass der Staat seine Rolle bezüglich der Tötungs-Aktionen wohl niemals eingestehen wird. Wie in allen Kriegen gibt es eine Hierarchie des Todes. Die aufseiten des Staates waren Helden, die Gegner Terroristen. Ich war in unserem Krieg Augenzeuge vieler Dinge und habe vehement diejenigen unterstütz, welche die Briten bekämpft haben. Als ich aber älter wurde und die Leidensgeschichten auch von denen hörte, von denen ich glaubte, sie seien meine Feinde, ließ meine einseitige Sicht nach. Die Auffassung, dass Einer Recht und der Andere Unrecht hat, war einfach nicht mehr länger haltbar.

Man sollte allen Opfern eines Kriegs gedenken. In englischsprachigen Medien bin zumindest ich bisher nie auf Berichte dazu gestoßen, die das Leiden der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema hatten. Dabei haben der Verlust von Land, Haus und Heimat und die Änderung der Landesgrenzen Nachwirkungen bis zum heutigen Tag. Wenn ich nun die Stelle passiere, an der Pfarrer Kowalleck getötet wurde, werde ich nicht nur an ihn und seine Familie denken. Ich werde mich auch an die vergessenen Opfer des Krieges in meiner Heimat erinnern. Ich werde an das Kriegsende vor 70 Jahren denken, an das sich die älteren Hoyerswerdaer noch erinnern. Und wir alle sollten einen Gedanken für die übrig haben, die durch heutige Kriege vergessene Opfer von morgen sind.

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