Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

05.12.2015 06:27 (Kommentare: 0)

Kleine Mysterien aus dem Kleiderschrank

Ein Zeitungsfund in einem Altstadt-Haus wirft eine ganze Menge von interessanten historischen Fragen auf.

Mitunter ertappe ich mich, wie ich über Dinge nachsinne, die für andere Menschen uninteressant sind. Das Haus in Hoyerswerdas Altstadt zum Beispiel, in dem ich mit meiner Familie lebe, wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Ich frage mich, wer wohl die ersten Bewohner waren. Waren sie von hier? Hatten sie ein hartes Leben? War Hoyerswerda für sie ein schöner Lebensmittelpunkt? Haben sie uns irgendetwas von sich hinterlassen?

Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch mit einem unserer Nachbarn, einem freundlichen Rentner. Er zeigte mir etwas, das mich verdutzte. Ihm war eine Kiste mit 30 oder 40 Zeitungen von 1946 zugefallen. Die meisten sind Deutsch, einige in Russisch und zwei in Englisch. Er hatte sie von einem anderen Nachbarn. Dieser wiederum fand die Zeitungen in einem Kleiderschrank und war weise genug, sie nicht in den Müll zu werfen. Stattdessen gab er sie jemandem mit Interesse an alten Dingen. Mein freundlicher Nachbar besaß nämlich schon zuvor einige historische Zeitungen. Er zeigte mir ein Exemplar der Emigranten-Zeitung „Freies Deutschland“ vom 25. April 1945. Titel: „Die letzte Schlacht“ mit einem Bild von Berliner Ruinen, Soldaten und Panzern. Man stelle sich vor: Nur fünf Tage später war Hitler tot.

Ich habe mir die Zeitungskiste ausgeborgt und einige Zeit mit deren Inhalt verbracht. Wenig überraschend war der Krieg noch immer Hauptthema. Und obwohl es keinerlei lokale Nachrichten gab, sondern hauptsächlich Propaganda, war ich fasziniert. Eine der Zeitungen ist eine Ausgabe des US-amerikanischen Militärblattes „The Unicorn Free Press“, gedruckt im fränkischen Hof. Die andere englischsprachige Zeitung ist ein Exemplar von „The Stars and Stripes“, die bis heute vor allem für Angehörige der US-Luftstreitkräfte erscheint. Einige Themen daraus sind bis heute relevant. So thematisiert ein Artikel Spannungen zwischen UdSSR und USA bezüglich von Luftraum-Verletzungen. Natürlich sind die Zeitungen eher Agitationsmittel als Nachrichtenquellen. Aber das kann man von jeglicher Nachrichtenform sagen. Vielleicht äußere ich ja hier nicht meine eigene Meinung, sondern die einer streng geheimen irischen Kultur-Mafia, die Musik, Tanz und Trinkgelage in der ganzen Welt verbreiten will. Wer weiß ?

Als ich die alten Artikel überflog, suchte ich nach Hinweisen, die natürlich nicht da waren. Mich interessierten eher die Geschichten hinter den Zeitungen als jene in ihnen. Warum hob jemand so viele Zeitungen ausgerechnet von 1946 auf? Wie kamen die US-amerikanischen Zeitungen nach Hoyerswerda? Wie lebte der, der die Zeitungen sammelte? Natürlich war 1946 für Deutschland ein schweres Jahr. Ich las, dass im Februar 1946 der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck Hoyerswerda besuchte, um sich für zwei Brikett-Waggons zu bedanken, die von Knappenrode aus in Berliner Kinderheime geschickt worden waren.

Mit einem Freund habe ich mich über meine Fragen zu den Zeitungen unterhalten. „Das ist vielleicht nicht so spektakulär“, meinte er. Womöglich habe jemand aufgeräumt, weil er Besuch von der Schwiegermutter bekam, die Zeitungen in den Schrank geworfen und sie dort vergessen. Aber Rätseln macht ja auch Spaß. 1998 zum Beispiel nahm ich an einem Studienkurs im US-amerikanischen Boston teil. Eines Tages fand ich auf der Straße eine irische 5-Pence-Münze. Ich versuchte, mir vorzustellen, wer das Geldstück verloren hatte und sah dabei eine Baustelle auf der anderen Straßenseite. Dort frage ich den Vorarbeiter, ob kürzlich ein Ire eingestellt worden wäre. Er deutete auf einen Mann, der erst zwei Tage zuvor auf der Baustelle angefangen hatte. Diesem Mann drückte ich also die Münze in die Hand: „Ich glaube, die gehört Dir!“ Er nahm die fünf Pennies, bedankte sich und sein Lächeln begleitete mich anschließend durch den ganzen Tag.

Ein anderer Nachbar aus einer Nebenstraße kann sich noch an den Krieg erinnern. Er war ein kleiner Junge und weiß zum Beispiel, dass nach 1945 sowjetische Soldaten in unserem Haus einquartiert waren. Ich habe mich schon mit ihm verabredet, um mehr über diese Zeit herauszufinden. Vielleicht erzählt er mir ja, dass er mit seinem Nachbarn seit 70 Jahren kein Wort spricht, weil dessen Familie sich seines Vaters Zeitungen ausgeliehen und nie zurückgegeben hat? Wer weiß?

Kommentieren

Zurück

Einen Kommentar schreiben