Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

01.08.2015 03:56 (Kommentare: 0)

Keine Sorge, es könnte schlimmer sein!

Während Sie an den Strand gehen, gibt es in Irland derzeit reichlich Wasser von oben.

Als der preisgekrönte Schriftsteller Heinrich Böll (1917 - 1985) Mitte der Fünfziger eine Reise nach Irland antrat, hielt er seine Erinnerungen in dem noch heute verlegten „Irischen Tagebuch“ fest. Seine interessantesten Beobachtungen zu Land und Leuten kann man heute noch bestätigt finden. Auch fast 60 Jahre später gilt meteorologische Autosuggestion: „Ein schöner Tag, oder?“, „Ja, reizender Tag!“, „Zumindest kein schlechter Tag.“, „Umwerfender Morgen heute!“ Ob beim Fleischer, beim Zeitungskauf, an der Kasse im Supermarkt, im Gebrauchtwarenladen (der zu jedem Dorf gehört) oder beim zufälligen Zusammentreffen auf der Straße: Immer wieder wird das schlechte Wetter in positives Licht gerückt.

Meine Frau hat schon als Kind in Hoyerswerda gelernt, sich regengerecht zu kleiden. Sie staunt immer wieder, dass Iren das offenbar nicht können. Wir tragen bei feuchten elf Grad Celsius Flip-Flop-Sandalen, T-Shirts und höchstens eine Strickjacke, aber kaum feste Schuhe oder Regenjacken. Und obwohl wir sicher mehr Regen haben als jedes andere europäische Land, hat niemand einen Schirm dabei. Unsere Einstellung ist: „Es ist Sommer. Außerdem hat es bereits viel geregnet und deshalb wird das Wetter heute sicher gut.“ Dieser verquere Optimismus, den auch Böll gut beschreibt, ist charakteristisch. Ich will Sie beim Zeitunglesen in Hoyerswerda eigentlich nicht schon wieder mit dem leidigen Wetter-Thema quälen, aber wir Iren sind davon nun einmal fasziniert. Zumal: Ich bin noch in Irland und habe gehört, das Wetter in der Lausitz sei besser. Natürlich!

Während der letzten 24 Stunden hat es fast ununterbrochen geregnet. In den unzähligen irischen Wettbüros setzt man bereits darauf, dass dies der nasseste Sommer seit Beginn der Daten-Sammlung werden wird. Ich traf vorhin eine Frau, die mit ihren Kindern zwei geschlagene Tage im Haus zubrachte – mit einem Stapel DVDs und Computerspielen. Seien Sie also froh, wenn Sie heute an den Geierswalder See fahren können! Wobei: Die Frau sagte tatsächlich, es könnte schlimmer sein und außerdem erwarte sie in Bälde eine Hitzewelle. Ich frage erstaunt, wie sie darauf kommt. Die Antwort: Der Wettermann im Fernsehen habe das gesagt. Früher hörte jeder Ire aufmerksam dem Pfarrer zu, heute ist dessen Unfehlbarkeit durch die der Wetter-Leute im Fernsehen ersetzt. Wo sind nur die guten alten Zeiten geblieben?

Vor ein paar Tagen besuchte ich einen alten Bauern in seinem Haus. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit. Er lebt abgeschieden in nahezu unberührter Landschaft in den Bergen im Westen, und zwar in seiner Küche. An den Wänden klebt schmutzige Tapete mit sicher weiteren zwanzig Lagen darunter. Es gibt nur eine einzige Steckdose, von der ein Wirrwarr an Verlängerungskabeln ausgeht. Eines führt in den Flur zum Kühlschrank. Abgesehen von einem Radio ist das sein einziges elektrisches Gerät. An der Wand steht ein alter Tisch mit zwei Stühlen, daneben ein Kohleöfchen. Vor einem schäbigen Sessel lag bei meinem Besuch ein weißer Collie. Über dem Öfchen gibt es eine Wäscheleine. Die Hose, das Hemd und die Socken daran hatte der Bauer von Hand gewaschen. Für den alten Mann gibt es keine Sozialleistungen. Flitzen in Hoyerswerda die Autos zahlloser Pflegedienste über die Straßen, hat die Regierung dem Bauern und anderen Leuten den täglichen Besuch des Pflegedienstes aufgrund von Geldmangel gestrichen.

Die Nachbarn schauen gelegentlich nach ihm und bringen jeden Sonntag eine warme Mahlzeit. Trotz seiner Isolation schien mir der Mann zufrieden und glücklich. Sein Hund sowie einige Kälber, Enten und Gänse leisten ihm Gesellschaft. Ungeachtet seiner Gebrechen bestellt er noch immer seine Felder und weiß bestens über die Neuigkeiten der Region bescheid. Fahrten mit dem Traktor bringen ihn in Kontakt mit anderen Bauern und sie tauschen dabei Informationen aus. Nicht alle diese Geschichten sind wahr. Sie werden mit jedem Weitererzählen größer und größer.

Einerseits bewundere ich den alten Herrn. Er lebt ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur. Andererseits ist er sehr einsam. Ich schätze mich glücklich, eine Frau und fünf Kinder zu haben. Sehr wahrscheinlich werde ich im Alter nicht vereinsamen. Ich fragte den Mann, wie es ihm denn gehe. Seine Antwort, typisch irisch: „Es könnte schlimmer sein!“ Heinrich Böll hat solche Worte wie die des Mannes und der erwähnten Frau bei seiner Irland-Reise auch oft gehört. Und noch eine seiner Beobachtungen kann man bis zum heutigen Tage machen: „Hier baut man provisorisch, wohnt aber, wenn man nicht auswandert, eine Ewigkeit in solchen Provisorien. Bei uns baut man für die Ewigkeit, weiß aber nicht, ob die nächste Generation noch Nutzen von so viel Solidität haben wird.“ Als hätte Böll den Abriss in Hoyerswerda voraussehen können!

In Irland begegnet man vielen Leuten, die neue Häuser gebaut haben, die längst nicht fertig sind. Aber solange an den Wänden keine verdreckte Tapete klebt, ist auch keine Eile vonnöten. Andere Dinge haben Priorität, zum Beispiel, einfach eine gute Zeit zu haben. Deutsche nehmen alles ein wenig zu ernst. Mir scheint jedenfalls, sie haben erst eine gute Zeit, wenn alles sachgerecht fertiggestellt ist.

Es dauert nun nicht mehr lange, dann sind meine Familie und ich wieder in Hoyerswerda. Wir werden im Urlaub eine Menge Regen gesehen haben und oft im Haus geblieben sein. Aber Sie ahnen schon : Es hätte viel schlimmer kommen können und in jedem Fall hatten wir eine gute Zeit.

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